Den wohl tröstlichsten Aspekt in der deutschenMisere bietet das sichtbare Erstehen jener Oasen des Menschentums, in denen nicht nur Arthur Koestler unsere letzte Chance erblickt. Der Reisende durch Deutschland findet auf der Suche nach wesentlichen Begegnungen allerorts Individuen und kleine Gruppen, die abseits der großen Heerstraßen stetig und still den Grundbefindlichkeiten des Daseins und damit den echten Werten nachSpüren und sich mit der Problematik der Zeit und der Krise des europäischen Geistes auseinandersetzen. In Badenweiler hielt kürzlich Reinhold Schneider vor der zahlenmäßig kleinen, aber kulturell gewichtigen René – Schickele – Gesellschaft seinen Vortrag „Goethes Unruhe zu Gott“. Die Gesellschaft der Freunde René Schickeles zum Gedächtnis des wie Tschechow in Badenweiler gestorbenen Dichters begründet, darf als ein Musterbeispiel jener Gruppenbildungen gelten, die wir Oasen nannten. Sie tritt für eine von philosophischen und ethischen Postulaten getragene Politik ein, wendet sich gegen die menschenfresserischen Methoden diktatorischer Staatsführungen und veranstaltet Vorträge von bemerkenswertem Niveau, deren Erträge dazu dienen, Ferienfreistellen für Bunker- und Kellerbewohner deutscher Großstädte zu schaffen.

Unter den vielen Interpretationen Goethes und seiner Werke im Goethe-Jahr gehört dieser Versuch von Reinhold Schneider, die geistige und religiöse Position Goethes zu bestimmen, sicherlich zu den bedeutendsten. Goethe sei Pantheist in dem Sinne gewesen, daß er Gott von der Natur umschlossen glaubte und verkündete, die Betrachtung der Urphänomene erhebe zur Anschauung des göttlichen Waltens. Die Kunst, deren Trennung von der Religion er ausdrücklich verlangt habe, vergegenwärtige Gott von allem menschlichen Tun am eindringlichsten, und das Erstaunen vor Leben und Weit bilde den unmittelbarsten und höchsten religiösen Aufschwung, dessen der Mensch fähig sei. Goethes in rastloser Vergeistigung befindliches Weltbild habe in einer tiefen, heroischen Resignation geendet, weil er, wie Reinhold Schneider meint, in Christus nicht die einmalige, fleischgewordene Göttlichkeit erkannt und anerkannt habe. Er habe Christi Leben als Privatleben jenseits der Geschichte betrachtet, sei jedoch durchaus geneigt gewesen, „ungesehen sichzu neigen vor dem Kreuz“, weil die Religion des Leids zutiefst in ihm verwurzelt gewesen sei und er die Evangelien als reinsten Abglanz des Göttlichen verehrt habe. Obwohl Eichendorff Goethe als Christen nicht anerkannt habe, habe Goethe selbst um seiner Gesinnung willen den Namen eines Christen beansprucht, da es ihm immer um die Verwirklichung der Person Christi gegangen sei. Sein Glaube sei der an die rettende Macht der Wahrheit und der Liebe gewesen, und das Wort: „Ich werde nicht sterben, denn ich habe nicht gegen das Licht gesündigt“, treffe auf. Goethe ebenso zu wie das andere: „Wer unzufrieden und getrieben ist, ist hingeneigt zu Gott.“ Wiewohl manche Thesen des gläubigen Katholiken Reinhold Schneiders auf den massiven Widerspruch vieler Goethe-Verehrer stoßen Werden, wie etwa die, daß Goethes Bedeutung mit unserer in Frage gestellten Kultur stehe und falle, bedeutet sein Vortrag eine wirkliche Bereicherung des modernen Goethe-Bildes.

Franz Joseph Pootmann