Von Hans Heinrich Schaeder

Das Erwartete ist eingetroffen. Wenn einer einen Experimentalversuch hätte machen wollen mit der Frage, ob es heute in Deutschland noch Menschen gäbe, die sich nach allem, was im Politischen und Materiellen geschehen, noch über einen „geistigen“ Anstoß erregen könnten, er hätte im Goethejahr kein besseres Thema als „Goethe und Jaspers“ zu wählen vermocht. Jedenfalls, der geharnischte Angriff des Bonner Romanisten Ernst Robert Curtius auf den heute in Basel lehrenden Philosophen Jaspers (nachgedruckt in der „Zeit“ vom 28. April) hat ebenso viel temperamentvolle Zustimmung wie empörte Ablehnung gefunden. So hätte jener Experimentator die Briefe, die die Redaktion erreichten, sowohl die positiven als auch die negativen Kritiken, mit Genugtuung verzeichnet. Der Verleger der Jaspersschen Schrift „Unsere Zukunft und Goethe“ (es ist der Wortlaut der Goethe-Rede, die Jaspers seiner Zeit in Frankfurt hielt) teilt uns mit, daß die „Welt am Sonntag“ nur bestimmte Partien daraus ausgewählt und von sich aus mit der Bezeichnung „Eine kritische Untersuchung“ versehen habe. Was die Lehrtätigkeit Jaspers in der Schweiz betrifft, so plädiert derselbe StormVerlag, Bremen, dafür, die Sache so anzusehen: „... Es ist an der Zeit, daß einmal öffentlich ausgesprochen wird, was längst hätte gesagt werden müssen – daß es zwar selbstverständlich ist, wenn das Ausland sich die Arbeiten deutscher Forscher auf dem Gebiet der Chemie und Physik und die deutscher Techniker zunutze macht, daß es aber heute durchaus nicht selbstverständlich ist, daß es einem deutschen Geisteswissenschaftler, der immerhin so etwas wie eine Weltanschauung lehrt, einen Lehrstuhl anbietet. Jeder, der sich um Geltung des deutschen Geistes bemüht, sollte froh sein daß eine ausländische Universität Jaspers berufen hat. Das Ansehen, daß er auch außerhalb Deutschlands genießt ist zugleich ein Plus für Deutschland – Wir erteilen Prof. Dr. Schaeder das Wort in der Sache „Curtius contra Jaspers“, dem Göttinger Gelehrten, da beide bewundert und dem Goethe über allem steht.

Wer nach dem ersten Kriege auf die Universitat ging, um etwas Rechtes zu lernen und im rechten Lernen die Freiheit des Geistes zu erfahren, der wird es nie vergessen, wie ihn die ersten Nachkriegsjahre, inmitten des beginnenden Lärms um Spenglers Untergangsprophetie, zweimal eine ruhig-mächtige Stimme traf, ins Innerste traf. Sie bestätigte ihm den Sinn des bestrittenen Weges, erhellte und ordnete sein unklares Fragen, gab ihm Mut und Zuversicht zum geistigen Leben. Sie sprach aus zwei Heften, auf zeitgemäß schlechtem Papier gedruckt und in dürftige gelbe Broschur gesteckt. Man las sie, las sie nochmals und nochmals, gab sie, zerfleddert und mit Anstreichungen überrät, den Freunden weiter; oder man sparte die nötigen Groschen zusammen – 1919 rechnete man noch nach Groschen –, um sie ihnen zu schenken. ‚Wissenschaft als Beruf’ hieß das eine Heft, ‚Politik als Beruf das andere. Gemeinsam war beiden eine Verbindung von Sachlichkeit und Leidenschaft, die vom ersten Satz an ergriff und überzeugte. Dazu eine ungewohnte Genauigkeit und Begriffsschärfe des Fragens und Antwortens, vor allem aber ein unaufdringlich selbstverständliches Wissen um das geschichtlich-gegenwärtige Wesen von Wissenschaft und Politik, das einem den Atem verschlug. Es schien in der Geschichte von Staat und Recht, von Wirtschaft und Gesellschaft, von Wissenschaft und Religion in fünftausend Jahren und von Westeuropa bis China nichts zu geben, das dieser Mann nicht erforscht und denkend geordnet hätte. Und dies Wissen um Geschichte und Gegenwart stand ihm zu Gebote, ohne daß er dadurch beschwert und beengt wurde. Wo gab es das sonst unter den Gelehrten, diese Kühnheit und Unabhängigkeit des Geistes, jenseits von akademischem Philistertum, und dabei diese Strenge des wissenschaftlichen Ethos, diese Selbstkontrolle, die sich selber und anderen keinerlei Vermischung von Sachfeststellung und persönlichem Werturteil durchgehen ließ?

Max Weber hieß der Verfasser jener beiden Schriften – wer war Max Weber? Ein Professor der Nationalökonomie, so erfuhr man, der seit mehr als fünfzehn Jahren zu Heidelberg in vorzeitigem Ruhestand gelebt hatte. Soeben hatte er in München, auf dem Katheder Lujo Brentanos, mit außerordentlicher Wirkung die akademische Lehrtätigkeit wieder aufgenommen. Man war entschlossen, jede Zeile zu studieren, die er geschrieben, hatte; man begann sogleich damit und traf auf eine Forscher- und Denkerleistung, deren gleichen man bislang nicht gekannt und nicht für möglich gehalten hatte; man erwog, wie man einen Studienaufenthalt in München ermöglichen könne. Da kam, um die Mitte des Sommersemesters 1920, die Nachricht von seinem Tode – in einem Augenblick, da die Öffentlichkeit und die deutsche Universität seiner am dringlichsten bedurften.

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Und dann geschah das Unerwartete, daß sich zum Gedenken des in jedem Betracht außerordentlichen Mannes eine zweite Stimme erhob, die das alles schlicht, klar und ehrfurchtsvoll aussagte, was man selber, von Max Webers Lebenswerk so überwältigt wie von seinem Tode, vergeblich in Worte zu fassen versuchte. Der Sprecher war keiner von Max Webers Fachgenossen. Es war der Heidelberger Psychiater Karl Jaspers, dem man soeben den berühmten Lehrstuhl Windelbands und Rickerts anvertraut, oder wie strenggläubige Neukantianer seufzten: ausgeliefert hatte. Was er sagte, war eine akademische Gedenkrede und viel mehr. Es war das Erlebnis eines zeitüberragenden Menschen und der Dinge, um die es ging, umgesetzt in ein lebendiges, seelenweckendes Philosophieren. Da stand es: „Das war das Wunderbare, daß dieser Mann – Max Weber – zwar mit vollem Ernst, mit einem unbedingten Pathos ergriff, was er überhaupt ergriff; daß er aber irgendwie mit seinem tiefsten Wesen doch noch dahinterstand. Man könnte sagen: seine Tätigkeit überall begleitete ein Bewußtsein: vor Gott ist alles nichts, aber unser Wesen ist es, Sinn zu schaffen, Aufgaben zu erfüllen, sonst sind wir nichtig.“ Und weiterhin: „Wer es für möglich hält, daß alles, was an der heutigen Welt kritisiert wird, periphere Erscheinung, Entleerung und Entartung eines Substantiellen sei, und wer glaubt, daß jede Epoche die Gegenwart des Ewigen enthält, der vermag in Max Weber eine substantielle Erscheinung unserer Zeit zu sehen. Wir erkennen ihn an dem lebenschaffenden Impuls, der von ihm ausgeht. Seine Gegenwart gab uns das Bewußtsein, daß auch heute der Geist in Gestalten höchsten Maßes existieren konnte.“ So war es, so hatte man es erfahren, ohne die rechten Worte, wie sie hier standen, dafür finden zu können. Das gab es also: oberhalb der Philosophien, die zu Fachwissenschaften abgesunken und darauf noch stolz waren, ein Philosophieren, ganz sachlich und zugleich an einem echten Menschen in seiner Größe und seinen Grenzen orientiert, das in seinem Namen den Menschen dieser verworrenen Zeit an das erinnerte, was er sein könne.

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