Denkt an Iljitsch, liebt, studiert Iljitsch, unseren Lehrer, unseren Führer“, so fordert Genosse Stalin. Genosse Stalin lehrt uns, bei Lenin Rat zu holen, sich an ihn zu wenden bei der Entscheidung großer und kleiner Fragen. Dieser Mahnruf aus der letzten Ausgabe der offiziellen Lenin-Biographie sollte auch den Außenstehenden veranlassen, die jeweiligen taktischen Züge der Moskauer Politik in ihrem ideologisch-historischen Zusammenhang zu sehen. Man kommt dann zu dem Schluß, daß Stalin den Anspruch, getreuester Schüler Lenins zu sein, nicht zu Unrecht erhebt und daß er seine politischen Entscheidungen in weitgehender Anlehnung an Lenin trifft.

Eine solche Erkenntnis ist allerdings an die Anerkennung zweier Grundvoraussetzungen gebunden: daß erstens die Endziele des Kreml sich nicht geändert haben und daß zweitens die weltpolitische Entwicklung, in Moskauer Perspektive, auf der von Lenin angenommenen Linie abläuft. So gesehen, gewinnen zahlreiche Äußerungen Lenins aus der Anfangszeit des Sowjetstaates grundsätzliche Bedeutung für eine Beurteilung der neuesten Phase der sowjetischen Außenpolitik. Wie damals zwingt die internationale Konstellation Moskau, sich zwischen Krieg und Frieden zu entscheiden. Die objektive historische Situation des Sowjetstaates vor 31 Jahren enthält, trotz aller Verschiedenheit der bestimmenden Faktoren, wesentliche Parallelen zur heutigen Lage. Seine außenpolitischen Reaktionen sind im Prinzip die gleichen.

Auf dem Zweiten Allrussischen Kongreß der Sowjets der Arbeiter- und Soldaten deputierten erläuterte Lenin am 8. November 1917 das seitens der Sowjetregierung an die Welt gerichtete Friedensangebot. Seine These lautete, daß der Aufruf sich sowohl an die Regierungen als auch an die Völker richten müsse; denn die Regierungen könne man nicht ignorieren, um die Möglichkeit des Friedensschlusses nicht hinauszuzögern, und an die Völker müsse man sich wenden, um im Hinblick auf die überall zwischen Regierungen und Völkern bestehenden Gegensätze, den Völkern zu helfen, in die Fragen des Krieges und des Friedens einzugreifen. Offensichtlich nach demselben Rezept appellierte Stalin durch den Pariser „Weltfriedenskongreß“ an die Völker, während er gleichzeitig in New York Malik verhandeln ließ.

Die von den Sowjets in Brest-Litowsk schleppend geführten Friedensverhandlungen und der schließlich durch die deutsche Offensive erzwungene Friedensvertrag gaben Lenin mehrfach Veranlassung, grundsätzliche Anschauungen über Krieg und Frieden zum Ausdruck zu bringen. In seiner großen „Rede über Krieg und Frieden“ auf dem VII. Parteitag am 7. März 1918 verteidigte er gegen die Kritiker aus den eigenen Reihen die „Theorie der Atempause“; die vom Leben selbst aufgestellt worden sei. Man müsse jeden Frieden annehmen, um erst einmal eine Armee zu schaffen, die nicht die Flucht ergreift, sondern imstande ist, unerhörte Leiden zu erertragen. Hierbei forderte er das Volk auf, bei den Deutschen Disziplin zu lernen, da es sonst verloren und zu ewiger Sklaverei verdammt sei. Die Geschichte lehrt uns, so fuhr Lenin fort, daß der Friede eine Atempause für den Krieg ist ...

Zwei Jahre später setzte sich Lenin auf dem IX. Parteikongreß gegen die übereifrigen Weltrevolutionäre dafür ein, nüchtern zu bleiben, die Friedensvorschläge der von Rußland losgelösten Randstaaten „mit beiden Händen zu ergreifen“ und zu maximalen Zugeständnissen bereit zu sein; denn „jeder Friede eröffnet unserem Einfluß hundertmal mehr Möglichkeiten“, insbesonder hinsichtlich der Aufklärung der werktätigen Massen über Sowjetrußland.

Wer dennoch geneigt wäre, der Politik Lenins eine opportunistische Deutung zu geben, muß sich von Lenin selbst über den prinzipiell-dialektischen Charakter seiner Theorie von Krieg und Frieden belehren lassen. Noch im Schweizer Exil schrieb Lenin im Herbst 1916 sein „Militärprogramm der proletarischen Revolution“. Scharf und ironisch greift Lenin die sozialistischen Anhänger der „Entwaffnung“ an, deren Idee offenbar aus den kleinlichen und ausnahmsweise „ruhigen“ Verhältnissen einiger Kleinstaaten entspringe, „die abseits der blutigen Weltstraße des Krieges liegen und weiter zu liegen hoffen.“

Die Sozialisten könnten nicht gegen jeden Krieg sein, ohne aufzuhören, Sozialisten zu sein. „Erstens waren die Sozialisten niemals und können niemals Gegner revolutionärer Kriege sein.“ „Zweitens sind Bürgerkriege auch Kriege, Wer den Klassenkampf anerkennt, der kann nicht umhin, auch Bürgerkriege anzuerkennen... Bürgerkriege zu verneinen oder zu vergessen, hieße in den äußersten Opportunismus verfallen und auf die sozialistische Revolution verzichten.“