Welche Sicherheit meint man auf alliierter Seite, wenn man sie zur Begründung der Demontagen anführt? Die militärische Sicherheit, von der man immer noch spricht, als ob es kein Ruhrstatut, keine Stahl-Kontrollkommission, kein: Sicherheitsamt gäbe, ganz abgesehen von allem anderen, was jegliche Gefährdung durch Westdeutschland von vornherein ausschließt, ist kein überzeugendes Argument, Wie schrieb doch das Humphrey-Komitee? „Die Gefahr einer Bedrohung des europäischen Friedens durch eine leistungsfähige deutsche Industrie ist nicht so groß wie durch einen zu niedrigen Stand der deutschen Wirtschaft, der den Anlaß zu andauernden wirtschaftlichen und sozialen Spannungen darstellt.“ Die Politiker haben leider diese Warnung der Wirtschaftler überhört. Sie hätten sonst nicht von den 167 Betrieben, die der Humphrey-Ausschuß von der Demontageliste gestrichen hat, just diejenigen acht wieder drauf gesetzt, die zwei Drittel des Wertes der 167 Werke darstellen, unter ihnen die August-Thyssen-Hütte, den Bochumer Verein, die Deutschen Edelstahlwerke AG., die Klöckner-Werke, das Hüttenwerk Niederrhein und andere.

Noch weniger aber als von Sicherheit kann man hier von Wiedergutmachung sprechen. Allein die Demontage der August-Thyssen-Hütte kostet ungefähr dreimal soviel wie uns für das Werk auf Reparationskonto gutgeschrieben wird. Wollte man aber die August-Thyssen-Hütte anderwärts wieder aufbauen, dann brauchte man dazu schätzungsweise das Fünfzehnfache des uns gutgeschriebenen Betrages und außerdem etwa fünf Jahre Zeit. Die August-Thyssen-Hütte liefert unter anderem 80 v. H. aller Transformatoren, die für die gesamte europäische Energiewirtschaft von entscheidender Bedeutung sind. Wie kann man von einer Harmonisierung der europäischen Wirtschaft sprechen und zugleich ein solches Werk demontieren? Oder spielen hier andere Erwägungen eine Rolle? Wir hören, daß uns bereits jetzt von einem neu errichteten Werk in Wales als Ersatz für Transformatorenbleche, wie die die August-Thyssen-Hütte herstellt, Offerten eingereicht wurden. Das sieht mehr nach Sicherheit vor der Konkurrenz als vor einer gar nicht, möglichen militärischen Gefahr aus. Warum sollen wir in England teuer kaufen, was wir selbst billiger und ohne dafür Devisen bezahlen zu müssen, herstellen können?

Nach den Berechnungen der alliierten Sachverständigen sollen wir bis zum Jahre 1952 ein Jahresexportziel von zehn Milliarden DM erreichen. Wie stellt man sich das vor, wenn man uns die besten Hüttenwerke wegnimmt und uns damit auf dem Weltmarkt konkurrenzunfähig macht? Die deutschen Eisen- und Stahlpreise steigen infolge der unzureichenden technischen Ausrüstung unserer Betriebe im Gegensatz zu denen des Auslandes beständig. Mit einem Stahlverbrauch von etwa der Hälfte des Bedarfs der Friedensjahre, auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, von ungefähr einem Fünftel des Stahlverbrauchs der USA können wir unmöglich die vorgesehene Exportquote von 110 v. H. des Jahres 1936 erreichen. Die Industrieausstellung in New York hat deutlich gezeigt, welche Grenzen einem Export gezogen sind, der sich nur auf keramische Erzeugnisse, Spiel- und Lederwaren und ähnliches beschränkt.

Dr. Pünder hat letzthin vor dem Wirtschaftsrat einen Kompromißvorschlag angekündigt, den er den Militärgouverneuren unterbreiten will. Der Vorschlag würde den Interessen aller Beteiligten entsprechen. Er geht dahin, daß die acht gegen die Einwände des Humphrey-Ausschusses auf die Demotageliste gesetzten Schlüsselwerke nicht demontiert, sondern bis auf weiteres nur stillgelegt werden sollen und daß von Zeit zu Zeit die Zweckmäßigkeit dieser Maßnahme überprüft wird. Dadurch würden keine vollendeten Tatsachen geschaffen, die man vielleicht eines, Tages vom Standpunkt der Entwicklung Westeuropas bedauern könnte. Man hat in den letzten drei bis vier Jahren schon öfter seine Meinung in wichtigen Fragen geändert. Man sollte diese Eventualität für die Zukunft nicht außer Betracht lassen. Es ist ein sehr konstruktiver Vorschlag, den Dr. Pünder vor dem Wirtschaftsrat dargelegt hat. Wenn es bei den Demontagen wirklich nur um die militärische Sicherheit geht, warum sollte man ihn dann nicht annehmen? – R. S.