Wenn ein Architekt zum Autor wird und Bücher macht, dann greift er ebenso gern zum Zeichenstift wie zum Schreibgerät, um gleichermaßen anschaulich wie verständlich zu sein. Ich denke – um nur wenige, aber vollwertige Beispiele zu nennen – an Namen wie Violet-le-Duc, George Niemann und Heinrich Tessenow. Diesen Graphiker-Architekten reiht sich Hans Bernhard Reichow mit seinem schönen Werke „Organische Stadtbaukunst“ aufs würdigste an (Verlag Georg Westermann. Braunschweig, Berlin und Hamburg). Es muß auch für den Nichtfachmann ein Vergnügen sein, dieses charmante Buch zu durchblättern, das ein ungewöhnliches Beispiel dafür ist, wie eine rein sachliche und lehrhafte, eine weitgehend technische und spezielle Betrachtung zu einer künstlerischen Leistung von allgemeiner Wirkung aufsteigen kann. Aber damit bezeichnen wir nur die Form; wichtiger ist der Gehalt des Buches. Sein Grundgedanke ist einfach, aber es ist damit wie nach dem Ausspruche Napoleons mit der Strategie: sie ist einfach, aber das Einfache ist schwer. Daß man nämlich die Gestalt eines städtischen Organismus aus der genauen Anpassung an die gegebenen landschaftlichen Verhältnisse zu entwickeln habe, ist einleuchtend, aber wer kann das wirklich und wer tut das? Wie viele Stadtplanungen sind hemmungslose Erzeugnisse der Reißbrettphantasie (wenn sie nicht überhaupt jeder Betätigung der Phantasie ermangeln) und gehen damit an der Grundtatsache der Architektur vorüber, durch die sich diese Kunst von allen anderen bildenden Künsten zutiefst unterscheidet, der Tatsache nämlich, daß ihre Schöpfungen immer an einen ganz bestimmten Ort im Räume gebunden sind, während man Gemälde und Teppiche, Gerät und Plastiken da oder dorthin bringen kann – von einigen Ausnahmen abgesehen, die es aber dadurch sind, daß sie mit einer Architektur verwachsen.

Das besagt also, daß eine Bauschöpfung ganz erheblich von ihrer Nachbarschaft, ihrer gesamten räumlichen Umwelt mitbestimmt und gestaltet wird, aber auch, daß sie selber dieser Umwelt ihren Stempel aufdrückt und den Raum, der sie umgibt, so sehr formt und zum Kunstwerk macht, als es der Sinn der jeweiligen Aufgabe bedingt. Flußläufe, Höhen und Täler bekommen damit ein neues, ein reiferes, ein vergeistigtes Gesicht!

Den Gesetzen solchen organischen Wachstums und lebendiger Umgestaltung geht Reichow energischer als irgendeiner seiner Vorgänger nach – soweit überhaupt von Vorgängern gesprochen werden kann – und bringt diese Gesetze in zahlreichen Variationen der Darstellung zu überzeugender Anschauung. Darin liegt das eigentliche Verdienst des Buches, das diese Besprechung aufs stärkste hervorheben möchte.

Die Zeit ist sicherlich nicht mehr fern, wo den meisten Stadtmenschen eine unberührte Natur nur ganz selten noch erreichbar sein wird. Das wäre zu ertragen, wenn man nur von einer Unnatur verschont bliebe, wie sie uns die gemeinschaftliche Anstrengung von Geschäftemachern, Architekturfabrikanten und Verwaltungsdiktatoren so reichlich beschert hat. Es ist die Natur der Dinge selber, gegen die man – und im Städtebau ganz besonders – aufs schwerste gesündigt hat. Für die Natur der Dinge hat Reichow ein feines Organ und vermag den Sinn dafür auch anderen – aufzuschließen. Er kommt im rechten Augenblick, in einer – Zeit, die durch einen ungeheuren Wiederaufbau die Wiedergutmachung alter Sünden betreiben und neue bessere Vorbilder aufstellen möchte. Seine „Stadtlandschaft“ kann ein solches Vorbild bieten und dazu beitragen, daß wir zu einer neuen, echten, weil natürlichen Wohnkultur gelangen. Und es ist. nicht bloß dieser eine Sektor der Wohnkultur, um den die Bemühung geht. Die lebendige Natur zu befreien aus den Fesseln, in die sie brutal technische und wirtschaftliche Mächte, angebliche Notwendigkeiten, schlagen, ist zugleich eine sittliche Forderung: es ist die alte Losung der Rückkehr zur Natur in neuer Fassung, die jetzt besonders über der Aufgabe des Baukünstlers schwebt. Rückkehr zur Natur, das heißt Rückkehr zum Gefühl, womit nicht etwa Sentimentalität gemeint ist und wodurch keineswegs die Vernunft, wohl aber deren Totalitätsanspruch abgeschafft werden soll. – ein zentraler Fall also, „wie Vernunft kommt zur Vernunft“. Fritz Krischen