Seit die von Präsident Li T sung-jen mit so großer Ausdauer und meist gegen den Willen seiner Generale und Politiker geführten Friedensverhandlungen mit den Kommunisten gescheitert sind, und seit die neue Offensive Mao Tse-tungs begann, befindet sich die Kuomintang langsam in der Auflösung. Es gibt keine eigentliche Zentrale mehr. Offiziell ist die Nationalregierung zwar nach Kanton verlegt, inoffiziell aber ist Formosa das nationale „Reduit“ geworden. Tschiangkaischek und die ihm Getreuen sind mit ihren Familien bereits dort eingetroffen. Die Luftwaffe, auf deren Überlegenheit die Nationalregierung noch immer große Hoffnungen setzt, ist gleichfalls in Formosa konzentriert worden, und täglich bringt die Flotte riesige Ladungen Kriegsmaterial, Waren aller Art und vor allem die Goldbestände Schanghais und anderer bedrohter Städte auf die Insel. – Inzwischen erreichen uns aus dem kommunistisch besetzten Peking, das, eine Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, von den Möglichkeiten normaler Nachrichtenübermittlung abgeschnitten war, die ersten unmittelbaren Augenzeugenberichte aus den Tagen der Niederlage und der Zeit danach ...

Peking, im März

Die National-Truppen unter dem General Fu Tso Yi waren aus Peking abgezogen, und die „Demokraten“ des Generals Mao Tze Tung hatten die Stadt besetzt. Es war am 1. Februar, daß die Stadt der neuen Regierung, übergeben wurde. Das ging sehr friedlich und völlig ruhig zu. Man war froh, daß die Schießerei in den Straßen aufhörte. Die siegreichen Soldaten waren streng diszipliniert und höflich mit der Zivilbevölkerung. Auffällig war, wie ruhig und ungespannt die Bevölkerung den Wechsel der Dinge aufnahm. Wir waren mitten im chinesischen Neujahrsfest, das allerdings bei der Lebensmittelknappheit nicht gerade üppig gefeiert werden konnte, aber das Treiben in den Straßen war festlich, und die Arbeit ruhte aus Festfreude. Wenn nur die Sorge um das tägliche Brot nicht wäre! Die Umgebung von Peking ist zerstört, die Dörfer sind abgebrannt, die Bauern verelendet, obwohl sie an Inventar nichts verloren haben. Da ist die Familie W., die ein richtiges deutsches Bauerngehöft besitzt. Als der Hof in die Kampfzone geriet, haben die Kommunisten sie samt den Kühen nach dem Westen in die Westberge gebracht. Nun sind die W. zurückgekehrt und haben auf ihrem Hof alles unversehrt vorgefunden ...

Liebesgaben und Reissäcke

Man atmet auf nach dem Chaos der Belagerungszeit. In den ersten Tagen der Belagerung wurden die Nordtore hin und wieder geöffnet, und die Bauern trieben ihr Vieh zur Stadt herein. Flugzeuge flogen hin und her, nicht nur Militär- und Regierungs-Flugzeuge, sondern auch das Missions-Flugzeug der Lutheran Mission, „The flying Jesus“ oder der „Heilige Paulus“ genannt. Der Pilot S. hatte schön phantastische Rettungsflüge an anderen Orten durchgeführt, er hatte alle Deutschen und Ausländer aus Mukden, zuletzt bei starkem Beschuß, herausgeholt, und nun kam er täglich von Schanghai, mit Postsäcken und Liebesgaben beladen, und nahm Passagiere mit. Andere Maschinen gehörten der Nanking-Regierung, die die Idee hatte, Reis in die Stadt für die Truppen zu fliegen, was sie auch tat; aber man hat die Reissäcke einfach irgendwo abgeworfen, ohne besondere Verpackung, und so fielen die meisten Säcke in den Pei Hai, einen riesigen Teich in der Kaiserstadt, oder zerplatzten in den Straßen oder töteten Menschen...

Wer wundert sich, daß die Übergabe der Stadt als Erlösung empfunden wurde! Ein riesiger Umzug der Bevölkerung – wälzte sich durch die Straßen; die Leute trugen rote Abzeichen und Fähnchen mit Inschriften; dann kamen die Truppen und zogen vier Stunden durch die Legationsstraße mit Tanks, amerikanischen Tracks, japanischen Wagen, russischen Fahrzeugen –: alles durcheinander und doch auch in erstaunlicher Ordnung, rot geschmückt und mit Gesang und schmetternden Musikkapellen. Nach den Sprechchören freilich zu schließen, sind sich Sieger und Besiegte darin einig, daß die Ausländer aus dem Lande müssen. Im übrigen glaubt man, die neue Regierung werde erst einmal alles weiterlaufen lassen und allmählich dann die Schraube anziehen. Man glaubt, wenn erst Schanghai gefallen sei, werde sich ein Staat bilden, der auch mit dem Auslande arbeiten müsse; man fragt sich nur, mit welchem, mit Amerika oder Rußland; beide sind hier zwar nicht beliebt, aber nach Beliebtheit wird man wohl nicht fragen...

Die Zeit danach