Von A. Czachert

Fortwährend laufen in Potsdam Leute mit Farben und Pinseln herum: „FDGB.-Picassos“, so nennen die Potsdamer jenen „Maler-Generalstab“, der ihre Häuserwände, die Litfaßsäulen, Bretterzäune, selbst die Pappwände vor ihren leeren Fensterhöhlen mit immer neuen Parolen beschriftete. Ganz Ostberlin noch noch am Morgen des 1. Mai nach Ölfarbe, und selbst die Trümmer Potsdams zeigten an diesem Tage bunte Tupfen: Transparente, rote Fahnen, Maigrün und viele geschmückte Menschen. Marschmusik dröhnte aus allen Lautsprechern. Die Volkspolizisten marschierten, und vielen Potsdamer Bürgern mag bei diesen vertrauten Klängen das Herz schwer geworden sein. Die alte Garnison – ob auch eine Stadt nicht über ihren Schatten springen kann?

Für jeden, der Potsdam heute besuchen will, ist die Kenntnis der deutschen Sprache noch immer durchaus nützlich. Neben den Russen leben dort heute noch viele Deutsche. „Ein Glück, daß die S-Bahn von Berlin Verspätung hatte, sonst wäre man womöglich in den letzten Bombenhagel hineingeraten ...“ So mag manch ängstlicher Besucher bei sich gedacht haben. Denn ausgezeichnet konserviert erscheint das Trümmerbild am Bahnhof Potsdam mit dem Ruinenhintergrund, das Trümmerbild um Stadtschloß, Rathaus, Nikolai- und Garnisonkirche. Um sensationshungrigen ausländischen Gästen entgegenzukommen, sollte das Verkehrsamt für künstlichen Brandgeruch Sorge tragen, zumal man dem Fremdenverkehr bereits wieder manches zu bieten bemüht ist. Potsdam kokettiert mit seiner Zerstörung, Potsdam kann jedoch auch mit utizerstörten Sehenswürdigkeiten aufwarten. Gewiß, die Baudenkmäler der Garnison- und Nikolaikirche, das Stadtschloß, Schauspielhaus, Rathaus und manche Kleinodien der Preußenstadt, wie das Schloß der Barberina, sind unwiederbringlich dahin. Aber auf der Rathauskuppe trägt Atlas nach wie vor unverdrossen die Weltkugel. Sie ist nicht untergegangen, genau so wenig wie die preußische Nebenresidenz, nur etwas lädiert. Es ist noch genug übriggeblieben von dem, was die Potsdamer Atmosphäre ausmacht: Sanssouci vor allem und die Orangerie, das Neue Palais, Charlottenhof, das Regierungsgebäude, von den sonst so obrigkeitshörigen Potsdamern heute respektlos „Halunkenbude“ genannt. Es wird auch schon wieder fleißig aufgebaut. Zwar entstehen keine Wohnungen, auch keine Schulen, Krankenhäuser oder Fabriken, aber die Kasernen werden für das Russenmilitär und die ostzonale Polizei instand gesetzt.

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Die Potsdamer haben ein gerüttelt Maß an Sorgen. Sie benötigen Geld, es gibt so viele Probleme, die ihnen auf der Seele liegen: Etwa Griechenland. Überall schreit es den Passanten in Riesenlettern entgegen: „Helft dem kämpfenden Griechenland – und ihr kämpft für den Frieden der Welt!“ Der Plakattext wird durch eine fallende 500-Kilo-Bombe wirkungsvoll untermalt, woraus jedoch nicht klar ersichtlich ist, ob die Potsdamer solche Bomben werfen möchten und auf wen, oder ob sie erneut das Gelüst verspüren, damit selbst beworfen zu werden. Ohnhin scheint hierzulande die Linke nicht zu wissen, was die Rechte tut. Denn ebenso zahlreich wie die Aufforderung, im Griechenland-Krieg mitzuspielen, erscheint der flammende Appell „Wir fordern Verbot der Atombombe“. Man möchte wohl lieber bei den hausbackenen Mitteln bleiben ...

Es ist aber nicht nur der alte martialische Hauch, den wir spüren. Potsdam kümmert sich mit seltsam komischem Ernst auch um die ihm näherliegenden Dinge. „Der neue deutsche Personalausweis – ein weiterer Schritt zur Einheit Deutschlands.“ Die Potsdamer können sich solch trockenen Humor leisten, ihnen geht es nicht schlecht –, sie haben unbegrenzte Möglichkeiten. Wer hier hungert, ist selbst schuld. Denn: „Geh nach Aue! Bessere Lebensmöglichkeiten! Werde Bergmann! Und Natascha Trofimowa kündigt unmittelbar daneben eine Tanzmatinee an.

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