Geduldig aber hoffnungsvoll wartetdie VI Schlange der Counterpart-Funds-Aspiranten auf den Augenblick, da sich für sie die Schleusen dieses sagenhaften DM-Stausees öffnen, und sich endlich der ersehnte Kreditstrom wohltuend über die ausgedörrten Gefilde ergießen soll. Den Löwenanteil einer ersten Zuteilung hat die Elektrizitätswirtschaft erhalten, die – im Gegensatz zu den Montanindustrien – von jeglicher Beschränkung wie auch umwälzender Neuordnung verschont, schon kräftig begonnen hat, ihre Ausbaupläne zu verwirklichen.

Dank ihrer wirtschaftlichen Integrität konnten einige Gesellschaften auch schon den Kapitalmarkt durch Anleihen, anzapfen, es wurde jedoch bald klar, daß hier keine nennenswerte Hilfe zu erwarten sei. Die Möglichkeit der Selbstfinanzierung aber ist dadurch, daß nach der zweiten Kohlenpreiserhöhung die Strompreise unverändert blieben – eine Regel, von der die VfW allerdings in einigen. Fällen Dispens erteilte – empfindlich behindert worden. Die erste Tranche der von der Kreditanstalt für den Wiederaufbau verteilten Gelder hat nun den Unternehmen der Elektrizitätsversorgung für das laufende Jahr eine Zuweisung von 220 Mill. DM eingebracht, zahlbar in vier Raten von je 55 Mill. DM. Auf Anweisung der Militärregierungen ist dieser Betrag auf zehn Gesellschaften für 20 Großprojekte zu verteilen: RWE (68 Mill. DM), VEW (7), Preag (31,5), Hamburger E-Werke (10,5), Nordwestwerk (18,5), Energieversorgung Schwaben (8), Großkraftwerk Mannheim (10), Neckarwerk (3), Bayernwerke (61,5), Innwerk (2). Für die Fertigstellung dieser Projekte, die die Installation einer Leistung von 1,24 Mill. kW vorsehen, ist bis 1954 ein Fremdkapitalbedarf von 613,5 Mill. DM veranschlagt worden (1950:187,5, 1951:97,5, 1952:43,5, 1953:36 und 1954: 29 Mill. DM).

Grundsätzlich soll die Bereitstellung der Mittel durch die Wiederaufbaubank in der Weise erfolgen, daß die Gesellschaften Obligationen mit 10 Jahren Laufzeit zum Kurse von 98 v. H. (Verzinsung 6,5 v. H. p. a.) auflegen, die dann von der Wiederaufbaubank insoweit überkommen werden, als die Unterbringung auf dem Kapitalmarkt nicht gelingt. Die erste Rate von 55 Mill. DM ist jedoch den Unternehmen schon über ihre Bankverbindung zugegangen.

Der Investitionsplan, der diesen Kreditzuteilungen zugrunde liegt, ist also unabhängig von den Riesenprojekten des RWE und des Ruhrbergbaus entwickelt worden, die, miteinander rivalisierend, den Ausbau einer zentralisierten Elektrizitätserzeugung auf der Kohle mit einem ausgedehnten Verbundnetz anstreben: der RWE-Plan auf der Braunkohle, das Ruhrsammelschienen-Projekt („Rusa“) auf der Steinkohle aufbauend. Das RWE hat jetzt zunächst für die Erweiterung des Goldenberg-Werk (Neuinstallation 340 000 kW) sowie auch des Frimmersdorfer Werkes (50 000 kW) – Gelder erhalten. Für den ebenfalls geplanten Bau der Vorschaltanlagen bei den Kraftwerken „Fortuna II“ (220 000 kW) und „Zukunft“ (110 000 kW) werden neben anderen kommunalen und industriellen Werken in einem „zweiten Plan“ der VfW die erforderlichen Mittel bereitgestellt werden. Nicht berücksichtigt bleiben somit aus dem alten RWE-Projekt die vorgesehenen Neubauten (je300 000 kW) in Frimmersdorf und Weisweiler, Obwohl nun im ersten Bauabschnitt für die Rusa-Projekte keine Mittel zur Verfügung gestellt wurden, ist die Braunkohle keineswegs bevorzugt worden: tatsächlich baut nämlich die Mehrzahl der 20 Projekte auf der Steinkohle auf (575 000 kW, im Vergleich zu 499 000 auf Braunkohle).

Wenn auch die Steinkohle bei dem Ausbau der Energiewirtschaft, wie er nun geplant ist, nicht zu kurz kommt, so läuft die Entwicklung doch den Wünschen der Ruhr zuwider. Kernpunkt des Rusa-Plans ist ja das Bestreben, für die schlechten Kohlensorten Verwendung zu finden, deren Absatz in normalen Zeiten auf Schwierigkeiten stößt. In zechennahen Kraftwerken ließen sie sich wirtschaftlich verfeuern; für zechenferne Werke hingegen kommen sie wegen der Transportkosten nicht in Betracht. Offensichtlich werden vorläufig aber die billigeren Erweiterungsbauten reinen Neubauten gegenüber bevorzugt; unverkennbar geht man bei der Aufteilung der Kredite auch nach dem Gesichtspunkt vor, möglichst jedes Land zu berücksichtigen. R.