Als im Oktober v. J. der Wirtschaftsrat die zweite Erhöhung der Eisenpreise ablehnte, wären die Hüttenwerke in eine äußerst heikle Finanzsituation geraten, wenn es nicht gelungen wäre, die drohende Steigerung der Erzpreise zu verhindern. Vor allem rettete die JEIA die Situation wesentlich dadurch, daß sie sich bereit erklärte, für eine Übergangszeit auf die Berechnung der importierten Erze zum 30-Cent-Kurs zu verachten, und ebenso wurde zunächst die geplante Preiserhöhung für Siegerländer Erze zurückgestellt. Außerdem versuchten die Hüttenwerke aber noch auf eigene Faust, ansehnliche Beträge einzusparen, indem sie den Zechen für die monatlich verbrauchten 500 000 t Hüttenkoks anstatt des festgesetzten Preises von 42 DM je Tonne nur 38 DM überwiesen.

Nun sind in den letzten Wochen in allen drei Fragen die Entscheidungen zuungunsten der Hüttenwerke gefallen und damit die gefürchteten Kostenerhöhungen Tatsache geworden. Seit dem 7. März präsentiert die JEIA die Rechnungen für Auslandserz in voller Höhe zum Weltmarktpreis, was bei einer Jahreseinfuhr von 4 Mill. t allein schon die Mehrbelastung von rund 100 Mill. DM ausmacht. Der Streit um den Kokspreis, der schon so weit gediehen war, daß die DKBL den Hüttenwerken Zahlungsbefehle ins Haus schickte, endete mit einem Vergleich, der im wesentlichen den Forderungen des Bergbaus entgegenkommt. Je nach Qualität (Asche- und Wassergehalt) liegen de neuen Preise zwischen 39 und 44 DM je Tonne Koks. Wenn allerdings auch weiterhin der „Rahm“ der guten Koksqualitäten für Auslandslieferungen abgeschöpft wird and die Hüttenwerke im bisherigen Umfang mit minderwertigen Sorten bedacht werden, könnte sich der Durchschnittspreis doch noch niedriger als 42 DM Je Tonne stellen.

Begreiflicherweise ist die Diskussion um die Eisenpreise durch diese Ereignisse neu aufgelebt, wobei man jedoch annehmen möchte, daß auch die hartnäckigsten Befürworter einer Preiserhöhung nicht an eine generelle und schematische Aufstockung für alle Eisen- und Stahlsorten denken. Die unterschiedliche Marktlage für die einzelnen Sorten kann heute nicht mehr übersehen werden. Ausgesprochenen Engpässen auf der einen Seite – wie beispielsweise bei Röhren und Feinblechen – stehen spürbare Absatzschwierigkeiten bei anderen Sorten – vor allem schwerem Material – gegenüber. Auch auf dem Eisenmarkt ist die Zeit vorüber, wo sich jeder Preis durchsetzen ließ. Und wenn heute die Eisenpreise er-– höht würden, so müßte immerhin mit einer fühlbaren Marktreaktion gerechnet werden, die mancherlei unangenehme Überraschungen bieten könnte. Aber abgesehen davon, daß der Versuch einer generellen Erhöhung bestimmt nicht die Unterstützung der Frankfurter Wirtschaftsverwaltung finden würde, darf man auch nicht außer acht lassen, daß die Hüttenwerke während der letzten Monate ihre Produktion so gewaltig steigern und damit ihre Kapazitätsausnutzung so weit verbessern konnten, daß eine erhebliche Kostendegression erreicht wurde. In Anbetracht dieser kosten- und marktmäßigen Verschiebungen sollte man daher bei der Forderung nach Revision der Eisenpreise den Akzent weniger auf eine kostenmäßig begründete Preissteigerung legen, als vielmehr die Notwendigkeit einer elastischen Sortendifferenzierung betonen. Das gegenwärtige starre Gefüge der Sortenpreise ist so gegenwärtige daß für einzelne Sorten außerhalb der Kontingente Überpreise gezahlt werden – die aber natürlich nicht etwa, der bedürftigen Eisenindustrie zugute kommen, sondern in die Taschen irgendwelcher Zwischenhändler wandern –, während einige Zweige der eisenverarbeitenden Industrie ihre Kapazität bei weitem nicht Industrie – können, weil Reichsbahn und Bergbau, den Hauptabnehmern für schweres Material, die finanziellen Mittel für dringend erforderliche Reparaturen fehlen. Durch eine marktorientierte Preispolitik könnten solche Spannungen wenn nicht beseitigt, so doch zumindest gemildert werden.

Freilich wird mit dieser Frage ein grundsätzliches Problem der Organisation der Montanindustrie berührt, denn auf diesem Gedanken des wechselseitigen Gewinn- und Verlustausgleichs bauten die großen Stahlkonzerne auf. Nur auf solche Art war eine gewisse Anpassung an die Marktfluktuationen möglich, von denen die verschiedenen Glieder der Montanindustrie erfahrungsgemäß unterschiedlich betroffen werden. In gleichem Maße, wie aber dieses vertikale und horizontale Geflecht zerrissen wird, werden auch die Möglichkeiten einer elastischen Preispolitik beschnitten. Wo Gewinne entstehen, wandern sie zum großen Teil in die Kassen der Finanzämter, während die notleidenden Betriebe sich selbst überlassen bleiben, nicht allein zum Schaden der Eisenindustrie, sondern ebenfalls zum Schaden der gesamten Volkswirtschaft. Mit der zunehmenden Normalisierung der Wirtschaftslage treten diese Zusammenhänge wieder deutlich zutage, und es wird Zeit, daß wir uns ihrer wieder erinnern. –er.