Der Regisseur Heinrich Koch, der nach dem Krieg in Hamburg und München erfolgreich inszenierte, hat sich von der Bühne zurückgezogen und in München mit einem kleinen Kreis junger Menschen zu experimentieren begonnen. Was er will, kann man nicht in einem Satz ausdrücken (er spricht von der psychologischen Selbstentwicklung der jungen Darsteller aus dem Unterbewußten). Was dabei zunächst zutage tritt, ist schon klarer ersichtlich: es ist die Darstellung reiner Ideen, wie die der „Liebe“, der „Verzweiflung“, des „Hasses“, ja, sogar mechanische Griffe werden abstrakt dargestellt, wie „die Türe öffnen“ oder „Feuer anzünden“ oder „den Telefonhörer abnehmen“. (In solcher Losgelöstheit technischer Handhabungen von ihren Gegenständen sieht man freilich – wie in Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“ – die ganze Monotonie der menschlichen Bewegung.) Weiterhin sah man bei den Versuchen Kochs, die er in Hamburg zeigte, eine saubere und reine Sprach- und Körperbeherrschung der jungen Schüler, die von manchem erfahrenen Schauspieler nicht erreicht wird.

Heinrich Koch hat mit seinen Schülern Szenen gespielt, die – von ihnen selbst improvisiert – keinen Anspruch auf literarische Wertung erhoben; ebensowenig – so will es Koch – sollen die Leistungen seiner Schüler schon vom Bühnenstandpunkt gewertet werden. Er hält dieses Spiel von abstrakten Möglichkeiten gleichzeitig für ein Spiel aus dem elementaren Seelengrund des Menschen: der „Archetypus“ des Psychoanalytikers Jung schwebt ihm augenscheinlich vor und leitet seine Versuche. Damit bat er ihnen einen psychologisch-philosophischen Hintergrund gegeben, und deshalb muß es auch erlaubt sein, auf dieser Ebene einige kritische Bemerkungen zu machen.

Die Analytik des Seelenlebens, wie sie In der modernen Tiefenpsychologie von Freud bis Schultze-Henke betrieben wird, ist in ihren Auswirkungen ausschließlich der Psychiatrie, das heißt der Wissenschaft zugekommen, die sich um den Geist des kranken Menschen bemüht. Nun ist eins gewiß: Die heutigen Menschen sind im strengsten Sinne des Wortes alle ein wenig „angekränkelt“ (sie sind zum Beispiel häufig Neurotiker), aber sie sind doch noch soweit normal, daß man nicht andauernd mit dem Bohrer der Tiefenpsychologie an ihnen herumhantieren muß. Es könnte dabei nämlich allerlei zutage gefördert und „bewußt“ werden, was besser im Dunklen geblieben wäre (denn nicht ohne Grund hat es da seinen Platz). Es ist auch gleichgültig, ob nun dieser Bohrer von jemandem anderem oder – wie im Falle der Schüler Kochs – von der handelnden Person selbst angesetzt und geführt wird. Der normale Mensch ist auch normal „gelöst“ und „frei“. Er bedarf dazu nicht psychologischer Analytik; betreibt man sie doch, so behandelt man ihn entweder als Kranken oder mischt sich in Dinge seines Lebens, die weder ihn selbst oder andere etwas angehen.

Dies wäre also eine Gefahr, der Kochs interessante Versuche ausgesetzt sein könnten, wären sie wirklich Tiefenpsychologie. Aber sind sie es denn? Ist es so, daß die unterste Schicht unserer Seele die Schicht des Allgemeinen ist – wie die Schüler Kochs doch zeigen wollen? Scheint es doch, als ob sich in ihnen eine seltsame Synthese zwischen den Wirkungen einer solchen „Unterschicht“ und einer abstrakten intellektuellen Idee gebildet hätte. (Wenn zum Beispiel zwei Schüler ein Liebespaar verkörpern, so wirkt dieses Paar wie eine Statue von Arno Breker, monumental, steif und gänzlich ohne Leben.) Und weiter: Ist es möglich, von dieser Basis aus ein Theater aufzubauen, wie Koch es vorhat? Das Leben ist viel differenzierter, als daß man sich jemals erlauben könnte, auf einer Vorstufe vor ihm zu beginnen. Und endlich: Sollte es nicht ein Fehler sein, zu glauben, der Künstler entwickle sich ausschließlich aus sich selbst? Entwickelt er sich nicht ebenso – wie jeder Mensch – in Kontakt mit der Außenwelt? Und könnte es nicht sein, daß man diesen Kontakt zu lange hinauszögert, wenn man den jungen Schauspielschüler andauernd sich mit sich selbst beschäftigen läßt und mit seiner eigenen Seele. – Freilich: jeder wesentliche Versuch birgt große Gefahren. Und der Versuch Kochs ist vielleicht in der gegenwärtigen deutschen Theatersituation wesentlich.

Paul Hühnerfeld