Während die Weltpresse noch Vermutungen über die möglichen Auswirkungen der Siege Mao Tse Tungs auf China und Südostasien anstellt, die zum Teil von geradezu rührender Naivität sind, und während mancher in dem chinesischen Kommunistenführer bereits einen zukünftigen Tito sieht, mit dem man „schon auskommen“ werde, stehen europäische Truppen seit Anfang März in ernsten Kämpfen gegen diese Auswirkungen, die sich als höchst bedrohliche Realität erwiesen haben. Bauernsöhne aus der Bretagne und der Provence, Arbeitersöhne aus Paris und Lyon, Legionäre aus allen Teilen Europas sind unter den Kugeln chinesischer Kommunisten gefallen, die im Gebiet von Langson an der Grenze zwischen Jünnan und Tonking nach Indochina eindrangen.

Die ersten Nachrichten, die von der Umzingelung und teilweisen Vernichtung von acht französischen Bataillonen sprachen, erwiesen sich glücklicherweise als übertrieben. Es waren nur kleinere Posten mit klangvollen Namen wie Hoanu-Phi oder Lao-Kay, die in einer überraschenden Umfassung abgeschnitten wurden; Fallschirmjäger konnten sie verstärken, Marschbataillone sie später entsetzen: doch der Blutzoll Europas an den chinesischen Kommunismus war gezahlt und dies in einer eindeutigen Angriffsoperation von chinesischer Seite, die nicht als „zufälliger Zwischenfall“ dargestellt werden konnte oder gar als Schuld der Angegriffenen, wie später im Fall der britischen Kriegsschiffe auf dem Jangtse.

Der französische Generalstab betont in einer Erklärung zu den Zusammenstößen, daß es sich bei den Angreifern keineswegs um reguläre kommunistische Truppen handele, sondern um die unter dem Namen „Schwarzes Banner“ seit Jahrzehnten in Westjünnan herrschenden Räuberbanden. Bisher seien sie allerdings nie auf indochinesisches Gebiet übergetreten, sondern hätten sich auf den einträglichen Waffenschmuggel für die Truppen der Vietminh-Regierung Ho Chi Minhs beschränkt. Es sei möglich, daß sie sich heute Kommunisten nennen – im Grunde bleibe es doch das alte Problem und die alten Räuberbanden.

Dies aber ist gerade das Bezeichnende: daß die „Räuber“ von dem Zeitpunkt an, in dem sie sich „Kommunisten nennen“, aggressiv außerhalb chinesischen Gebiets gegen europäische Truppen vorgehen. Kurze Zeit vor dem ersten Angriff hatte die kommunistische halbamtliche Zeitschrift „China Digest“ sie übrigens durchaus als kommunistische Truppen anerkannt. In einem Artikel rühmte sie sich der „70 000 Mann der Befreiungsarmee, die tief in der von der Kuomintang versklavten Provinz Jünnan an der Jünnanbahn operieren“. Gerade von dem Punkt, in dem die Jünnanbahn die Tonkinggrenze überquert, gingen aber die Operationen gegen die französischen Truppen aus.

Aus einer anderen kommunistischen Veröffentlichung wissen wir auch, daß das „Schwarze Banner“ von einem zu den Kommunisten übergegangenen Nankinggeneral reorganisiert und „für neue Aufgaben umgruppiert“ wurde. Selbst wenn die Kommunisten von größeren Aktionen gegen Indochina absehen sollten, was nach den auch jetzt noch andauernden Zusammenstößen nicht einmal wahrscheinlich ist, erfährt doch Ho Chi Minhs Streitkraft eine wesentliche Entlastung: durch die Ablenkung der Franzosen, durch die Bindung französischer Truppen an der Jünnangrenze und vor allem durch die Möglichkeit, im Bürgerkrieg erfahrene chinesische Truppenführer zur Ausbildung zu erhalten. Gerade dies dürfte für ihn besonders wertvoll sein, denn seine etwa 100 000 Mann zählende Armee ist zwar gut mit modernen Infanteriewaffen ausgerüstet, kühn und erfahren im Guerillakrieg, besitzt aber nur wenige ausgebildete Offiziere; darum waren Operationen in größerem als Bataillonsverband, die für einen Entscheidungsschlag notwendig wären, bisher für die Aufständischen undurchführbar.

Das Flugzeug, das den jungen Exkaiser von Annam und den künftigen Staatschef von Vietnam-Indochina, Bao Dai, in diesen Tagen von der friedlichen Riviera nach Saigon brachte, kreuzte sich in Singapur mit dem einer französischen Parlamentskommission, die das Gebiet von Langson besucht hatte. Diese Abgeordneten werden nun vor der französischen Kammer dafür eintreten, daß die nächsten „provisorischen drei Zwölftel“ des Wehretats, den die Regierung der Kammer immer nur stückweise abringen kann, für die Verstärkung der französischen Truppen in Indochina verwendet werden. Werden neue französische Bataillone in Fiebersümpfen und eisigen Hochgebirgen kämpfen müssen? Oder werden die Persönlichkeit Bao Dais und vor allem die von Frankreich gemachten Zugeständnisse wirksam genug sein, um dem überhitzten Nationalismus eines Ho Chi Minh die Waage zu halten, ja das Gleichgewicht zugunsten Frankreichs zu ändern?

P. H. Schulze