Während die Alliierten 1945 glaubten, die Frage des deutschen Auslandsvermögens, das nach den Potsdamer Beschlüssen schlechthin Reparationszwecken dienen sollte, grundsätzlich durch eine entschädigungslose Enteignung lösen zu können, sind inzwischen große Bedenken und Zweifel entstanden, ob eine so einfache Losung überhaupt möglich ist und – abgesehen von dem für alle gefährlichen Eingriff in die Unverletzbarkeit des Privateigentums – ob sie acht den Interessen der anderen Länder zuwiderläuft.

Die restlose Liquidierung des deutschen Auslandsvermögens würde die deutsche Wirtschaft wesentlicher Möglichkeiten berauben, die von beiden Seiten gewünschte Intensivierung der deutschen Handelsbeziehungen mit dem Ausland zu schaffen. Es besteht auch die Sorge, daß die nichtliquiden deutschen Auslandswerte, insbesondere Firmen, Warenzeichen und Patente, bei einer Liquidation verschleudert werden, während sie bei Fortdauer des deutschen Besitzes der internationalen Zusammenarbeit gute Dienste leisten könnten. Hinzu kommt, daß, soweit Liquidationen bereits stattgefunden haben, vielfach Schwierigkeiten für den ausländischen Erwerber bei der Auswertung entstanden sind, die schon den Wunsch nach deutscher Mitarbeit haben laut werden lassen. Anderseits fürchten auch die privaten Gläubiger deutscher Staatsangehöriger, bei Erfassung des deutschen Auslandsvermögens mit ihren Handelsforderungen leer auszugehen und wünschen daher mit den privaten deutschen Auslandsforderungen verrechnen zu können. Dies alles sind Bedenken, welche die ursprünglich geplante Regelung immer fragwürdiger erscheinen lassen.

Der gesamte Problem-Kreis wurde kürzlich in vielgestaltiger Fragestellung auf einer Tagung erörtert, welche die jüngst geschaffene Studiengesellschaft für private Auslandsinteressen zusammen mit dem Deutschen Büro für Friedensfragen (Stuttgart) am 1. und 2. April in Bremen abhielt. In einer Zeit, in der es keine offizielle Vertretung der deutschen Auslandsinteressen gibt, hat die Studiengesellschaft die Aufgabe übernommen, Anwalt der privaten deutschen Auslandsinteressen zu sein und sich um eine wirtschaftlich vernünftige Lösung dieses Problems zu mühen.

Auf dieser Tagung stand naturgemäß die grundsätzliche Frage nach der Unantastbarkeit des Privateigentums stark im Vordergrund und führte zu verschiedenen grundlegenden Völkerrechtlichen Ausführungen. Wesentlich war dabei der Hinweis, wonach die Eingriffe in das Privateigentum weitgehend dadurch ausgelöst seien, daß im Völkerverkehr nicht mehr die Staaten „als solche“, sondern die sich mehr und mehr gegeneinander abschließenden Nationalwirtschaften die Hauptrolle spielten, die im Kampf gegeneinander das in ihrem Bereich befindliche Privateigentum rücksichtslos für sich einsetzten. Eine solche Entwicklung müsse unweigerlich zum wirtschaftlichen und rechtlichen Chaos führen; eine Abkehr von diesen verhängnisvollen nationalwirtschaftlichen Tendenzen erfordere es aber, die Unantastbarkeit des Privateigentums wieder vorbehaltlos anzuerkennen, und zwar nicht nur gegenüber den eigenen Staatsangehörigen, sondern auch gegenüber fremden Staatsangehörigen, selbst ehemaligen Feinden.

Daneben stand die Erörterung, zahlloser Einzelfragen und der Austausch von Erfahrungen, welche die Praktiker bisher im einzelnen über die Behandlung der deutschen Auslandsinteressen gemacht haben. Gerade diese Einzelarbeit, die nun in verschiedenen Ausschüssen vertieft werden soll, dürfte wichtig sein, um den deutschen Standpunkt zu präzisieren und Material zu sammeln, damit eine künftige Friedensregelung diese Fragen nicht, wie es in Potsdam geschehen ist, mit einem Federstrich zu Ungunsten Deutschland! entscheidet, sondern sie so klärt, daß die Interessen beider Seiten gewahrt werden – nicht nur die Interessen der Staaten, sondern auch die der einzelnen Staatsangehörigen.

„Die vordringlichste Aufgabe der Wirtschaft“, so besagt die nach eingehenden – Beratungen angenommene Entschließung, „ist die Wiederherstellung des freien internationalen Güteraustausches und Kredits. Sie muß beruhen auf der Rechtssicherheit überall in der Welt. Dazu gehört die Rückkehr zu dem Grundsatz der Unverletzlichkeit des Privateigentums, mit dem inne entschädigungslose Einziehung von Privat-Vermögen nicht vereinbar ist.“

„Die deutsche Wirtschaft muß wieder kreditwürdig werden. Also muß Deutschlands Verschuldung unverzüglich geordnet werden. Es sind dabei vielseitige berechtigte Interessen und Ansprüche des Auslands zu berücksichtigen. Um die Sachlage festzustellen, die daraus sich ergebenden Probleme zu prüfen und einen Ausgleich der Interessen herbeizuführen, sollte baldigst eine Internationale Kommission von ausländischen und deutschen Wirtschaftssachverständigen zusammentreten, die Vorschläge für die Ordnung der Vergangenheit und die Schaffung von Grundlagen für die wirtschaftliche Zukunft auszuarbeiten hätte.“