Von unserem Wiener Korrespondenten

Im Jahre 1945 wurde für den österreichischen Schilling ein Kurs von 10 Dollarcents proklamiert und seither nicht geändert, obwohl Löhne und Preise in der Zwischenzeit in Österreich auf etwa das Vierfache gestiegen sind. Sie werden nach einem neuen „Lohn-Preis-Abkommen“ ab. 1. Juni noch weiter steigen. War der Zehnteldollar-Schilling vor vier Jahren ein Ausverkaufsmittel, so ist er heute, nach der Kostenvervielfachung, ein Exporthemmnis. Fast alle Exportpreise sind zu hoch und die Einfuhrpreise sind zu niedrig. Bei diesem Kurs sind österreichische Waren auf dem Weltmarkt auch meist wesentlich teurer als vergleichbare deutsche Güter zu einem DM-Kurs von 30 Dollarcents.

Aber der Schillingkurs von 10 Dollarcents ist in Wirklichkeit sehr beweglich – um nicht zu sagen fiktiv – geworden. Man hat für jeden Geschäftsabschluß mit dem Ausland eine besondere Möglichkeit gefunden, den Exporterlös zu Lasten der Einfuhrpreise zu verbessern, also einen theoretisch stabil bleibenden Kurs durch Manipulationen praktisch abzuwerten. Zwei Fünftel aller österreichischen Ausfuhren entfallen auf Kompensationsgeschäfte Hier wird, gegebenenfalls über Weltmarktpreis, eine direkte Relation etwa zwischen österreichischem Kunstdünger und ungarischen Eiern gesucht, und die Proportionen der offiziellen Devisentabelle stehen nicht zur Debatte. Will man aber das Ergebnis dann in Kurse umrechnen, so kann man so viel Kompensationskurse für den Schilling ermitteln, als verschiedene Tauschgeschäfte auf die unterschiedlichsten Waren mit den verschiedenen Ländern abgeschlossen werden ...

Bei Ausfuhr gegen Devisen erhält der -Exporteur Freiquoten zum unmittelbaren Einkauf von Rohstoffen aus dem Ausland. Er kann sozusagen im eigenen Hause die Ausfuhr durch günstige Einfuhr subventionieren. Er kann auch seit etwa einem halben Jahr unter gewissen Voraussetzungen Devisenerlöse gegen Aufgeld an Importeure weitergeben. Die Nationalbank, Freiquoten wie Aufgeld Verträge überwachend, vermittelt die Verbindungen zwischen Exporteur und Importeur, begrenzt das Ausmaß; des Begünstigungsanteiles und die Aufgeldprozentsätze. Da aber die Partner der Sonderverfahren einander bekannt werden, besteht die Möglichkeit, „private Zuschläge“ zum bewilligten Aufgeld zu verlangen und zu gewähren. Es entwickelt sich nach und nach (amtlich geduldet oder nicht verhindert) in vielen Bereichen ein wirklich freier Devisenmarkt, der nur durch Einschaltung der Bürokratie mit sehr vielen Umständlichkeiten verbunden ist.

Dabei schwanken naturgemäß die Kurse je nach Möglichkeit der Ausfuhr und Wichtigkeit der Einfuhr: der „Roheisen-Schilling“ ist günstiger als der „Holz-Schilling“; und der Holzschilling im Warenverkehr mit Italien unterscheidet sich wesentlich vom Holzschilling im Handel mit Holland. Beide aber schwanken je nach der Marktlage.

In allen Fällen wird die Ausfuhr zu Lasten der Einfuhrpreise gefördert. Die Nationalbank bemüht sich, Restbeträge von Ausfuhrerlösen zum amtlichen Kurs zurückzubehalten. Der Exporteur, der als Belassungsquoten und Aufgelddevisen gegebenenfalls auch 85 v. H. seines Erlöses zur freien Kursgestaltung bringt, kann dabei auch noch den „Schaden“ einkalkulieren, der ihm an dem Evidenzbetrag entsteht, den er zu 10 Dollarcents je Schilling abrechnen muß.

Es bestehen also in der Außenhandelspraxis eine Reihe verschiedener Schillingkurse, die alle tiefer sind als der offizielle. Der Vorteil des Systems ist die Elastizität. Der Nachteil ist die verwirrende Vielfalt. Jede Warengruppe hat ihre Sonderkurse, die wiederum nach der Marktlage schwanken – wobei sich der Exporteur auf die Prämiierung zu Lasten der Einfuhr verläßt, statt zu rationalisieren, statt sich dem Weltmarkt anzupassen, wie in den Zeiten, da ein echter Wechselkurs Maßstab aller normalen Wirtschaftsvorgänge war. J. B-s.