Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Mitte Mai

Seit dem 12. Mai hat jeder neue Tag in Berlin seine neue Farbe. Mit dem Festtag selbst begann es: mit Schulfeiern, festlicher Parlamentssitzung, lebendiger Massenkundgebung, zum erstenmal schwarz-rot-golden bewimpelten Straßenbahnen und Omnibussen, mit Menschentrauben am Teltowkanal und am Funkturm (wo die ersten Wagen aus dem Westen ankamen) und pausenlosem Strom, pausenlosem Radio und U-Bahnen, die seit zehn Monaten zum erstenmal wieder bis zur Mitternacht durch die Stadt rollten – durch eine Stadt, von deren Bogenlampen, auch zum erstenmal die Nacht hindurch Licht über Berlin schien.

Nach diesem Anfang in den Tagen darauf die Wirkungen: die Straßen der Stadt veränderten sich. Durch die Einführung der vollen Westwährung vom 20. März hatte die Stadt ihren ersten kräftigen Ruck erhalten. Die Last der östlichen Blockade schien zu fallen. Teile der westlichen Warenfülle wurden sichtbar, aber auch sie blieben für das Berliner Publikum im allgemeinen, das von nun an alle täglichen und monatlichen Ausgaben in kostbarem, Westgeld zu begleichen hatte, unerreichbar. Vor allem aber war die Küche der Hausfrau mit Trockenkartoffeln, Trockengemüse, Kloßmehl, Vitamintabletten, Büchsenfleisch nicht schmackhafter und nahrhafter geworden. Dieser Druck beginnt jetzt zu weichen. Mit jeder Lastwagenkolonne, die seit dem 12. Mai in Berlin einpassiert, wird die Gewißheit realer, daß die Blockade ein wirklicher Angriff auf das Leben der Stadt und ihrer Bewohner gewesen ist.

Der Vorhang der Blockade ist keineswegs so fortgezogen, daß nun die gleiche Sommersonne auf alle Teile der Stadt und auf alle ihre Lebensbereiche fiele. Nicht so, wie in den Tagen nach der Währungsreform in Westdeutschland, gleichen sich die Erscheinungen. Es geht improvisierter in Berlin in diesen Nachblockadetagen zu. Die ersten Transporte von Blattsalat und Gemüsekonserven, von Speiseeis aus Schleswig-Holstein, von Fischkonserven und Frischfisch bestimmten das jähe Gefälle von Bedarf, Angebot und Preis. Die Stadt mit ihren Planungs- und Ernährungsämtern war in den ersten Tagen beinahe eine Stadt ohne Behörden. Wie die westlichen Frachten einrollten, wurden sie, oft genug vom Wagen unmittelbar herunter, leergekauft. Der Überdruß am „Verteilerapparat“, an der ins Kleinliche verlängerten „Lenkung“ erzwang im Überschwang der neuen Erlebnisse eine Freizügigkeit des Ein- und Verkaufs, wie sie seit vielen Jahren in Berlin ungewohnt gewesen ist. Die Zufälligkeit der einlangenden Transporte nötigte zu Preisstürzen, die in manchen Straßen am Tage sich zwei- bis dreimal korrigieren mußten. Andererseits schwankten die Preise zwischen den Stadtteilen bisweilen zwischen 100 und 300 v. H. Die große Überraschung von Berlin war das schnelle Angebot an Fischwaren aller Art. Während noch die zweite Fleischdekade mit Markenfisch eben beliefert wurde, konnten viele Fischgeschäfte schon Heringe zu einem Preise frei anbieten, der geringer als der Marktpreis war.

Kartoffeln rollten auf Eisenbahngleisen an, Apfelsinen folgten ihnen, die Mehrzahl der Waggonfracht aber besteht aus Kohle: Kohle für die Berliner Wirtschaft, die darangeht, die lange Frist der Blockadeentbehrung durch eine vervielfachte Intensität nachzuholen. Die Punktkarte, die am Jahresanfang erst eingeführt worden ist, wird voll aufgerufen. Sie braucht es kaum zu werden; denn schon beginnen sich zu den vorhandenen Vorräten der Textil- und Schuhgeschäfte die lange erwarteten Sendungen aus dem Westen zu gesellen. Die Angebote steigern sich beinahe stündlich, aber das Geld ist knapper noch als in Westdeutschland, da die neue Berliner Währungsumstellung unter der Last der Abschnürung vor sich ging. Und man darf nicht erwarten, daß Berlin auf alle aus dem Westen sich nach der Stadt nun ergießenden Waren sein außerordentlich geschwächtes Portemonnaie ausschütten wird. Wenn auch der Hunger nach frischen Lebensmitteln, Kleidung und Gebrauchsgütern in Berlin beträchtlich ist – die Schlangen vor den ersten Gemüse- und Fischlieferungen verleiten Berlin keineswegs dazu, die westdeutschen Ladenhüter nun dankbar entgegenzunehmen. Die Stadt wünscht im Gegenteil aus der langen Nacht-der Blockade heraus den Anschluß an die heute erreichte Qualität des Westens und nicht an seine Improvisationen des letzten Sommers.

Dagegen beginnen sich die Rückwirkungen der Blockadeaufhebung für den Osten der Stadt schon tief abzuzeichnen. Das Polit-Büro der SED muß die „Wirtschaftskommission“ auffordern, Kartoffeln und Gemüse – der Zentner wurde bis ebennoch für 70 Ostmark verkauft – frei zu verkaufen und für die Monopolorganisation des offiziellen Schwarzmarktes der Ostzone, für die „freien Läden“, kündigt sich mit dem rapiden Absinken der Berliner Preise und dem Einströmen von Qualitätswaren ein bitteres Ende an. Für die westdeutsche Wirtschaft wäre es aus diesem Grund besonders nützlich, wenn sie durch ihre Zufuhren den Unterschied der Qualitäten zwischen Westen und Osten noch sinnfälliger machte als bisher.