De Gasperi hat als Ministerpräsident und Führer der Christlich-Demokratischen Volkspartei zum Jahrestag des Wahlsieges über die Kommunisten die Grundlinien einer Bodenreform verkündet und somit überraschend eine neue Phase der italienischen Innenpolitik eingeleitet. Von Bodenreform war in Italien seit langem nicht mehr die Rede gewesen, ja, es durfte nicht darüber gesprochen werden. James Zellerbach, der Italien-Beauftragte der Marshall-Plan-Verwaltung hatte nämlich im September vorigen Jahres die Regierung davor gewarnt, durch eine Bodenreform oder ähnliche Maßnahmen in dieser kritischen Zeit die Ernte und die Landwirtschaft zu gefährden. Seitdem hat de Gasperi viele Reden gehalten, in denen regelmäßig das Wort Agrarreform fehlte. So wurde es den Gegnern immer leichter, ihn als Reaktionär und als Statthalter des von Zellerbach repräsentierten „amerikanischen Monopolkapitalismus“ zu brandmarken.

Aber auch bei dem nun so unerwartet erfolgten Kurswechsel haben offensichtlich die Amerikaner Pate gestanden. Immer häufiger und eindringlicher wurde nämlich von amerikanischer Seite in letzter Zeit betont, daß, wie in andern Ländern, auch in Italien eine Linke erforderlich sei, die eindeutig gegen den Kommunismus Stellung nehme, aber eine Politik des sozialen Fortschritts verfolge. Der erste Punkt eines solchen Programms müsse in Italien die Agrarreform sein.

Die nun von de Gasperi verkündete, vom Landwirtschaftsminister Segni ausgearbeitete Bodenreform sieht vor, daß bei Gütern, deren Mindestgröße, je nach Region und Bodenverhältnissen, 150 bis 300 Hektar beträgt 20 bis 50 v. H. abgetreten werden müssen. 1,2 Mill. Hektar Land sollen so verfügbar gemacht werden. Die davon betroffenen 8000 Großgrundbesitzer, teils Körperschaften, teils Private, sollen in bar oder mit Staatsanleihen entschädigt werden, was etwa 100 Milliarden Lire erfordert. Für Bodenbearbeitung und Ausrüstung der neuen Bauernstellen sollen 400 Milliarden Lire bereitgestellt werden. Dieses Gesetz geht nun zum Ministerrat, alsdann zu einem Sachverständigenausschuß und schließlich ans Parlament. Die Opposition wird sehr stark sein. Die in der Regierung vertretenen Sozialisten betrachten den Entwurf als unzulänglich, die Liberalen sind grundsätzliche Gegner, und der Hauptwiderstand wird von dem rechten Flügel der Christlich-Demokratischen Volkspartei und von der Rechten kommen. Diese ist in der letzten Zeit wesentlich erstarkt und hat neuen Mut geschöpft, wie es sich deutlich bei den Botschaften des Ex-Königs Umberto an die Sardinier und an die monarchistischen Parlamentarier zeigte. Erhebliche Bedenken haben die Sachverständigen geäußert. Sie weisen darauf hin, daß bei den niedrigen Agrarpreisen und dem Ansteigen der landwirtschaftlichen Produktionskosten die Lage arbeitsintensiver Kleinbetriebe sehr problematisch sei. Weniger besagt die kommunistische Opposition. Der Einfluß der Kommunisten ist seit dem Mißerfolg des Generalstreiks im Juli 1948 ständig zurückgegangen. Die alten Parolen ziehen nicht mehr Nur die Zeit könnte für die Kommunisten arbeiten, denn jährlich müssen für 400 000 Menschen neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden.

W. G.