Israel ist als 59. Staat in die UNO aufgenommen worden. Damit hat nun der junge jüdische Staat seine volle Anerkennung in der Welt efunden, wenn auch – und das ist zweifellos, ein Kuriosum in der modernen Geschichte – einstweilen seine Grenzen noch gar nicht festliegen. Bisher sind nur in vier verschiedenen Waffenstillstandsverhandlungen verschiedenen linien gezogen worden, die noch der endgültigen Bestätigung durch eine Friedenskonferenz harren. Es besteht jedoch Aussicht, daß in Lausanne, wo seit dem 25. April die Versöhnungskommission mit jüdischen und arabischen Vertretern tagt, die Grundlagen für den endgültigen Frieden geschaffen werden, wenn es dort gelingen sollte, die Frage der arabischen Flüchtlinge und die Zukunft Jerusalems zu klären.

Der Staat Israel, der vor einem Jahr proklamiert, aber erst in der Zwischenzeit erkämpft worden ist, braucht Frieden, um aufbauen zu können. Und Ministerpräsident Ben-Gurion wird diese Voraussetzung schaffen, wie er zuvor auch die Vorbedingungen für die staatliche Unabhängigkeit und einen erfolgreichen Krieg geschaffen hat. Schon vor mehr als vierzig Jahren, als der heute 63jährige sein Studium aufgab, um in Palästina mit einer, kleinen Schar russischpolnischer Juden als Landarbeiter ein neues Leben anzufangen, hat er mitgeholfen, die beiden Grundpfeiler des heutigen Staates aufzubauen: das palästinensische Bauerntum und die Wachmannschaften die die jüdischen Siedlungen schämen. Aus ihnen ist dann später dieHaganah hervorgegangen, deren Kommando er im Mai übernahm und die als Grundstock der israelischen Armee die ersten großen Siege seit den Tagen des Judas Maccabäus erfocht.

David Ben-Gurion, ehemals Landarbeiter und Gewerkschaftsführer, seit 1933 Mitglied der Exekutive der Jewish Agency und seit 1944 Präsident der zionistischen Weltorganisation, ist heute Ministerpräsident und Verteidigungsminimit von Israel. Er wohnt noch immer in einer Vorstadt, von Tel Aviv, und wenn seine Zeit es irgend erlaubt, vergräbt er sich in seine umfangreiche Bibliothek, in der Kriegsgeschichte, griechische Philosophie und Buddhismus den meisten Baum einnehmen. Ben-Gurion spricht fließend hebräisch, französisch, deutsch, englisch, türkisch und neugriechisch; er ist ein sehr begabter Redner, spricht gern und lang, sehr temperamentvoll und meist mit ausgesprochener Schärfe. Ben-Gurion ist überzeugt von der Notwendigkeit, die alte jüdische Kultur wieder zu beleben, und unterstützt daher das etwas krampfhafte Bemühen, die Sprache der Propheten dem modernen alltäglichen Sprachgebrauch anzupassen und die Namen der führenden Israelis zu hebraisieren.

Die Welt hat mit Sorge und einem gewissen Abscheu den Chauvinismus der neugeschaffenen jüdischen Nation inPalästina kritisiert. Und doch ist es verwunderlich, daß diese gewissermaßen „synthetische“ Nation, zusammengeschmolzen aus den Einwohnern aller europäischen Ghettos und den Überlebenden der Hitlerschen KZ’s, die fehlende gemeinsame Geschichte durch einen extremen Nationalismus zu ersetzen trachtet? Sehnsucht und Brutalität, Mythos und Gewalt, Traum und Tat haben in seltsamer Weise zusammengewirkt, um aus tausend heterogenenSplittern wieder ein Volk und einen Staat zu machen. Durch die Jahrtausende ist die Sehnsucht des Psalmisten wachgeblieben: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten –“ aber erst Brutalität und Gewalt haben die Gründung eines neuen Zion ermöglicht.

Alle jüdischen Bürger des heutigen Staates Israel sind gewaltsam aus ihren europäischen Heimatländern vertrieben worden. Die erste große Einwanderungswelle, die auch Ben-Gurion, den Außenminister Mosche Schertok, den Generalstabschef Jacov Dori und andere heute führende Politiker nach Palästina trug, setzte nach den russisch-polnischen Pogromen und der gescheiterten russischen Revolution von 1905 ein. Nach dem ersten Weltkrieg verließen abermals ungezählte Juden Osteuropa, weil der Zionismus in Rußland nicht geduldet wurde, und in Polen, Rumänien und Ungarn die Juden als Bolschewisten verdächtig waren. Und schließlich setzte die dritte und größte Einwanderung aus Deutschland nach 1933 ein. Der Gewalt in Europa weichend, konnten die Einwanderer sich in ihrer neuen Heimat sehr bald selbst auch wiederum nur durch Gewaltanwendung behaupten.Unter diesen Umständen ist es eine große Leistung, daß es dem Ministerpräsidenten David Ben-Gurion gelungen ist, nach Beendigung des Krieges die extremen Elemente wieder auszuschalten und eine Koalition der Mitte zu bilden.

Dönhoff