Seit einigen Monaten fegt durch den Bezirk der Sowjetkultur der eiserne Besen des Politbüros. Mit den Theaterkritikern begann es, dann folgten Literaten, Musiker, bildende Künstler, Naturwissenschaftler, Philosophen. Bürgerlicher Nationalismus, Antisowjetismus, Formalismus, Komparativismus, Kosmopolitismus, Antipatriotismus – das waren die Vorwürfe, die ihnen gemacht wurden und die sie meist schnell dazu brachten, ihre Fehler einzusehen, öffentlich zu widerrufen und Besserung zu geloben. Im Ganzen sind dies wohl Affären am Rande, die weniger für die geistige Haltung der wohlbehüteten Insassen des Moskauer Kulturlebens bezeichnend sind, als für die Unduldsamkeit der Parteikontrolle.

Unabhängig davon und von viel größerer Wichtigkeit ist ein Fall, der sich nicht an der Peripherie, sondern gewissermaßen im Zentrum abspielte, bei dem es nicht um eine Abweichung von der vorgeschriebenen Generallinie, sondern ihn eine Häresie im genauen Sinn des Wortes ging, weil hier das Dogma der Staatsreligion, der Marxismus, betroffen war: es ist der Fall Varga. Dieser siebzigjährige ungarische Kommunist, Nationalökonom von hoher Qualität, ist lange Jahre als der führende Wirtschaftstheoretiker der Sowjetunion angesehen worden, vielleicht kann man sogar sagen, daß seine Analysen im Kriege und in der ersten Nachkriegszeit einen bedeutendem Einfluß auf die Entschlüsse Stalins und des Politbüros ausgeübt haben.

Doch während die sowjetische Führung, sich seit 1945 in der freudigen Hoffnung wiegte, daß die USA nach Abbau der Kriegswirtschaft sehr schnell in eine lähmende Krise verfallen und auf Jahre aus des Weltpolitik ausscheiden würden, schrieb Varga 1946 ein Buch, in dem er nachwies, daß eine solche Entwicklung nicht zu erwarten sei, sondern daß Amerika und England frühestens um die Mitte der fünfziger Jahre mit einer größeren Wirtschaftskrise zu rechnen hätten. Sein Argument war, daß die – von Marx und Lenin als unausbleiblich bezeichneten – Krisen der kapitalistischen Wirtschaft nicht mehr einzutreten brauchten, weil durch den Krieg auch den kapitalistischen Ländern ein Maß von staatlicher Intervention zur Gewohnheit geworden sei, das den automatischen Zyklus der Krisen und Konjunkturen aufgebe.

Es dauerte eine Weile, ehe das Politbüro merkte, daß hier ein fundamentaler Satz der marxistisch-leninistischen Theorie bestritten und widerlegt worden war. Dann aber geriet die Parteimaschine in Bewegung. Varga wurde in Konferenzen und in der Öffentlichkeit angegriffen, seines Postens als Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Politik an der Akademie der Wissenschaften enthoben, schließlich bedroht und zum Widerruf aufgefordert. Über ein Jahr hielt er, wohl im Vertrauen auf den Wert der früher, geleisteten Dienste, diesem Drucke stand. Vor einigen Tagen endlich hat er kapituliert. Vielleicht hat das Beispiel der vielen andern revozierenden Sowjetintellektuellen dazu beigetragen. Vielleicht hat auch der seit kurzem sichtbare Konjunkturrückschlag in Amerika die Last seines Gewissens erleichtert. Jedenfalls bekannte er jetzt in der Sowjetzeitschrift „Wirtschaftsfragen“, er habe „eine ganze Kette von Irrtümern reformistischer Art gebildet, den Kosmopolitismus gefördert, den Kapitalismus beschönigt, großes Unglück verursacht und die sowjetischen Nationalökonomen genötigt, sich mit Fragen zu befassen, die durch den Marxismus-Leninismus längst korrekt gelöst waren ... Mein Mißgeschick war, nicht gleich bemerkt zu haben, daß meine Kritiker recht hatten...“

Varga wird nun ein Buch schreiben, in dem er sich selbst widerlegt. Außerhalb der Sowjetunion wird man sich fragen, was damit erreicht ist und ob das zweite Buch für den Sowjetleser sehr überzeugend sein wird. Indessen sollte man sich vor Augen halten, daß der Marxismus ein Gedankensystem ist, das auf jede ökonomische und politische Frage eine Antwort hat. Das ist das Bestechende an ihm für diejenigen, die an ihn glauben. Zu diesen gehört Stalin, der an der Fortentwicklung „dieses Systems mitgebaut hat, zu ihnen gehört das Politbüro. Sie sind nicht Phantasten und Luftikusse, die eben tun, was ihnen einfällt, sondern sie sind Marxisten und müssen als solche verstanden werden, wenn man sie überhaupt verstehen will. Würde der Marxismus für sie ungültig, dann müßten Stalin und das Politbüro ihre ganze Politik für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu formulieren und begründen. Es ist verständlich, daß sie davor zurückschrecken. Deshalb halten sie eisern am Dogma fest. Es ist dieses Dogma, dem der Ketzer Varga jetzt sein Opfer bringt. P. E.