Mit neunzehn Jahren wird Ckampollion Professor an der Universität Grenoble; unter seinen Studenten waren junge Leute, die noch zwei Jahre zuvor mit ihm auf der Schylbank gesessen hatten. Er wird angefeindet, gerät in ein Netz von Intrigen. Die politischen Ereignisse seiner Epoche leisten der unglücklichen Entwicklung Vorschub. Champollion ist ein Verfechter der Freiheit. Er liebt weder das "Vive lempereur!" noch später das andere "Vive le roü", wenn sich dahinter Dummheit und Gewalt verbergen. Da er nicht schweigt, haben die Neider leichtes Spiel. Hocbverratsprozesse drohen, denen er sich durch Flucht entzieht. Die Arbeit an der Entzifferung der Hieroglyphen erfährt indessen keine Unterbrechung.

x So merkwürdig es klingt: Daß die Hieroglyphen, die aller Welt vor Augen lagen, über die eine ganze Reihe antiker Autoren geschrieben hatte, über die sich das abendländische Mittelalter in immer neuen Deutungen ergangen hatte und die dazu mit Napoleons Expedition in unzähligen Abschriften in die Gelehrtenstuben kamen, dennoch bis dahin nicht entziffert worden waren, ist nicht allein Unvermögen, sondern auch Schuld, nicht nur Erkenntismangel der vielen, sondern auch Ergebnis einer Irreführung durch einen einzelnen.

Herödot, Strabo und Diodor hatten die Hieroglyphen als unverständliche Bilderschrift erwähnt. Aber nur Horapollon, im vierten Jahrhundert n. Chr, hatte eine ausführliche Beschreibung "ihrer Bedeutung hinterlassen. Es leuchtet ein, daß mangels jeden Anhaltspunktes Horapollans Schrift zum Ausgangspunkt ällei (Betrachtungen genommen wurde. Horapollon aber sprach von den Hieroglyphen stets als von einer Bilderschrift, und jede Deutung also, über Hunderte von Jahren hinweg, suchte symbolischen Sinn in den Bildern. Das ließ der Phantasie der Unwissenschaftlichen die Zügel schießen, die Wissenschaftler aber brachte es zur Verzweiflung Die Irrwege waren abenteuerlich. Der Jesuit Atihanasius Kircher, ein erfindungsreicher Mann (nter anderem Konstrukteur der Lateraa magica), veröffentlichte von 1650 bis 1654 in Rom vier Bände mit Übersetzungen von Hieroglyphen, von denen aber auch nicht eine einzige richtig war. Man sollte meinen, daß die Auffindung des Dreisprachensteins von Rosette den wilden Vermutungen Halt geboten hätte. Das Gegenteil war der Fall. Der Weg zur Lösung schien jetzt so offenbar, daß auch Laien ihn zu beschreiten wagten. Ein Anonymus aus Dresden buchstabierte aus dem kurzen hieroglyphischen Fragment der Rosettana den gesamten griechischen Text heraus. Ein Araber Ahmed Bin Abubekr "enthüllte" einen Text, den der sonst ernsthafte Ägyptologe Hammer BurgstaH sogar übersetzte; ein Pariser Namenloser erkannte in einer Tempelinschrift von Oendera den 100. Psalm, und in Genf erschien die Übersecz unig der Inschriften des sogenannten "Pamphilischen Obelisken", die ein "viertausend jähre vor Christi geschriebener (Bericht vom Sieg der Frommen über die Bösen" sein sollten. Die Phantasie überschlug sich. Inmitten dieses Feuerwerks von Entzifferungen saß Champollion, Stufe um Stufe die Höhe der Lösung gewinnend, und, mußte dann hören, daß der Abb£ Tandeau de St. Nicolas eine Broschüre verfaßt hatte, in der haarscharf bewiesen wurde, daß die Hieroglyphen überhaupt keine Schrift, sondern ein Dekorationsoiittel gewesen seien! Es ist schwer vorstellbar heute, was es bedeutete daß Champollion Zug um Zug gegen die Meinung der gelehrten Welt, die auf Horapollon schw<ur, seine eigene Meinung setzte "Die Hieroglyphen sind eine Bilderschrift!" In diesem Urteil verband sich zum Unheil der Forschung autoritative Äußerung mit Augenschein. In Horapollon sprach nicht nur jemand, der immerhin den letzten geschriebenen Hieroglyphen um anderthalb Jahrtausende näherstand, sondern er sagte aus, was Jedermann sehen konnte; Hier waren Bilder, Bilder und nochmals, Bilder! Und in dem Augenblick, da Champollioin der Einfall kam, die hieroglyphischen Bilder, seien "Buchstaben" (genauer gesagt "Lautzeichen"; seine eigene früheste Formulierung lautet: ohne streng alphabethisch zu sein, dennoch lautlich"), da erst war di Wendung, die Abwendung von Horapollon vollzogen, die zur Entzifferung führen mußte. Er erkannte das System. Er deutete nicht mehr, sondern machte die Schrift lesbar und Jehrbar. Und in dem Augenblick, da er das System in den Grandzügen erkannt hatte, da konnte er wirklich fruchtbar den Einfall wieder aufgreifen, der als Vermutung längst laut geworden war: daß die Entzifferung bei den Königsnamen begonnen werden müßte! Warum bei den Königsnamen? Nichts schmälert den Triumph des Entdeckers, dem nun das Glück sofort eine glänzende Bestätigung in die Hände spielte. Im Jahre 1815 war der sogenannte "Obelisk von Philä" gefunden worden, den der Archäologe Banks 1821 nach England brachte, und iBer ebenfalls (ein zweiter "Rosettastein") eine hieroglyphische und eine griechische " Inschrift zeigte. Und wieder fand sich dort, eingerahmt in eine "Cartauche", der Name Ptolemäus. Aber es war noch eine zweite Inschriftengruppe eingerahmt. Und Champollion, geleitet von der griechischen Inschrift am Fuß Jes Obelisken, vermutete in ihr den Namen Cleopatra: Es klingt wiederum höchst einfach nd scheint keiner besonderen Hervorhebung zu bedürfen: aber als ChaoipoMkwi die beiden Inschriftengruppen gemäß den vermuteten Namen untereinander schrieb (Mer in unserer Schreibweise) Ptolemäus Cl eopatra und als im Namen Cleopatra das 2, 4 und 5. Zeichen mit dem 4, 3 und 1 des Namens Ptolemäus übereinstimmte, da war der Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen gefunden. Nur der Schlüssel zu einer fremden Schrift? Der Schlüssel zu allen verschlossenen Toren Ägyptens! Heute wissen wir, wie uneadlich kompliziert das bierogly phische Schriftsystem ist. Heute kennen wir die Veräadenmgen der hierpgiyphischen Schriften, wissen von der Entwicklung, die von den alten Hieroglyphen z t einer Schreibschrift, der sogenannten "hieratischen ging, und dann noch später, weiter verkürzt, weiter abgeschliffen, bei einer Gebrauchsschrift, beim "demotischen" endete. Der Gelehrte zu ChampoIIions Zeit sah diese Entwicklung nicht. Eine Ent deckung, die ihm bei dieser Inschrift weiterhalf, versagte bei der nächsten. Welcher heutige Europäer ist in der Lage, eine Mönchsbandschrift des 12. Jahrhunderts zu lesen, selbst wenn bereits eine der imodernen Sprachen verwendet wurde?