Nur noch wenige Aktionäre in Deutschland können sich uneingeschränkt der Rechte erfreuen, die ihnen in ihrem Aktienbesitz verbrieft sind. Größtenteils sind sie seit Kriegsende ganz oder teilweise entrechtet, und zwar durch die verschiedensten Maßnahmen. Diese reichen von der vollständigen und entschädigungslosen Enteignung, wie sie in der Ostzone geübt wird, über die von den Alliierten verfügten Vermögenssperren bis zur immer noch nicht erfolgten Klärung des Schicksals der Sammeldepot-Aktien.

Dieser Zustand ist in einer Zeit allergrößten Kapitalmangels mehr als paradox. Es ist geradezu naiv, wenn heute auf der einen Seite immer wieder zum Sparen aufgerufen wird und neue Wertpapiere emittiert werden, um so wenigstens einen Teil der dringend nötigen Investitionsmittel zusammenzubringen, auf der anderen Seite aber nichts geschieht, um die Aktionäre, die Hauptbegründer des privaten Industriekapitals, wieder in ihre alten Rechte einzusetzen. Wenn unter diesen Umständen der Wille zur Bildung industriellen Investitionskapitals gering bleibt, dann darf sich darüber niemand wundern: vor allem nicht die Militärregierungen, denn nur sie können ja den derzeitigen Zustand der Entrechtung beseitigen.

Wie wenig in dieser Richtung heute geschieht, das zeigt deutlich das Hinauszögern des Wertpapierbereinigungsgesetzes, worüber kürzlich an dieser Stelle ausführlicher berichtet wurde. Vorerst ist, wie dort dargestellt wurde, mit klaren Rechtsverhältnissen bei den Depotpapieren also nicht zu rechnen. Das ist um so schwerwiegender und bedenklicher, da drei Viertel des deutschen Wertpapierbestandes – so wird geschätzt – irgendwie mit dem Schicksal des Sammeldepots verknüpft sind.

Trotzdem sind selbst die Depotaktionäre heute noch relativ günstig gestellt, wenn die Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, keinen besonderen Eingriffen unterworfen sind Sind dagegen die Unternehmen aus irgendeinem Grunde von den Alliierten sequestriert, dann ist die Entrichtung der Aktionäre fast vollständig. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob sich ihre Aktien im Sammeldepot oder in ihren Händen befinden. Wie einschneidend die Entrechtung der Aktionäre ist, das zeigen leider nur allzu deutlich die Entflechtungsbestimmungen für die Kohlen-, Eisen- und Stahlindustrie. Hier werden die sequestrierten Unternehmen auseinandergerissen, gemischt und neu zusammengesetzt, ohne daß die Unternäre, also die eigentlichen Eigentümer der Unternehmen, zu diesen Maßnahmen gehört werden, geschweige denn einen Einfluß darauf ausüben können. Das einzige Recht, das den Aktionären dieser Unternehmen geblieben ist, ist das Recht der Aktienveräußerung. Aber auch das ist im wahrsten Sinne des Wortes nur ein „billiger“ Trost, denn die Aktien der zu entflechtenden Unternehmen werden heute an den Börsen weit unter ihrem inneren Wert gehandelt. Am bedenklichsten aber ist, daß noch gar nicht abzusehen ist, wie lange dieser ungewisse Schwebezustand nun andauern soll. Darüber sagen die alliierten Gesetze nichts. Überhaupt scheint es so, als seien den Schöpfern der Entflechtungsgesetze die Eigentumsrechte der Aktionäre ziemlich gleichgültig. Sie werden im Gesetz Nr. 75 nur ein einziges Mal am Rande erwähnt.

Mit um so größerer Ausführlichkeit und zahllosen Details ist demgegenüber das Gesetz Nr. 52, die juristische Grundlage für den Rechtsentzug, ausgearbeitet. Dieses Gesetz entkleidet die Aktionäre von den verschiedensten Seiten her ihrer Rechte und Befugnisse. Einmal, wenn über die Aktiengesellschaft als solche, zum Beispiel die Ruhrkonzerne, die Vermögenssperre and Kontrolle verhängt wurde, zum anderen, wenn das Vermögen des Aktionärs, also der Privatperson, gesperrt wurde. Im ersten Fall ist allen Aktionären des Unternehmens das Stimmrecht genommen, im zweiten Fall ist eine Ausübung nur dem einzelnen, vom Gesetz betroffenen Aktionär untersagt.

Das Gesetz Nr. 52 beschränkt sich aber nicht nur auf diese beiden grundlegenden Fälle, sondern es geht noch sehr viel weiter. Es ordnet auch dann die Vermögenssperre für das ganze Unternehmen an, wenn der Hauptaktionäi – eine natürliche oder juristische Person mit mehr als 50prozentäger Beteiligung – unter die Sperrbestimmungen fällt. Die Sperre des Hauptaktionärs, die aus politischen oder aber auch nur deshalb erfolgte, weil er abwesend, zum Beispiel Ausländer ist, wirkt also gleichzeitig auch gegen alle übrigen Aktionäre des Unternehmens und nimmt ihnen das Stimmrecht. In diesem Punkt sind allerdings vor kurzem einige Erleichterungen eingetreten.

Noch keine Besserung gibt es aber bis jetzt für die 200 000 IG-Farben-Aktionäre. Ihnen wurde durch das Kontrollratsgesetz Nr. 9 nicht nur das Stimmrecht, sondern durch ein weiteres Sondergesetz auch das Recht der Aktienveräußerung genommen. Das Gesetz Nr. 55 verbietet ausdrücklich jeden Handel mit IG-Farben-Papieren, und kürzlich ist ein deutscher Antrag, die IG-Farben-Aktien wieder zum deutschen Effektenhandel zuzulassen, von der Dekartellierungsabteilung der US-Militärregierung abgelehnt worden. Die angeführte Begründung – eine solche Freigabe bedeute eine Verletzung des Gesetzes Nr. 9 – erscheint indessen nicht mehr durchschlagend, denn gerade dies Gesetz Nr. 9 steht nach dem Nürnberger IG-Urteil nur noch auf sehr schwachen Füßen. In jenem Urteil ist ja ausdrücklich festgestellt worden, daß weder die IG-Farben AG „als solche“, noch einzelne Direktoren der Planung, Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges schuldig sind. Wenn trotzdem einige leitende Persönlichkeiten verurteilt wurden, dann geschah das auf Grund individueller Schuldzurechnungen, während die anderen Angeklagten freigesprochen werden mußten. Um so befremdlicher aber ist, daß trotz dieser Freisprüche die Diskriminierung und die Fiktion einer Kollektivschuld der IG-Aktionäre aufrechterhalten wird, denn nur so kann ihre derzeitige Entrechtung verstanden werden. Daraus einen Dauerzustand zu machen, ist jedenfalls-nicht sehr klug. Dadurch werden nur die Gerüchte verstärkt, wonach nicht nur lautere Gründe für die Liquidation der IG-Farben maßgebend seien.