wgr. Paris, im Mai

Die Desinflationspolitik – man kann sie beileibe noch nicht als deflatorische Politik bezeichnen, denn der Notenumlauf verzeichnet nicht nur zu jedem Monatsende neue Rekordhöhen von mehr als einer Billion Francs – ist kaum angelaufen, und schon heißt die neue, nun auch von der Regierung übernommene Parole: Eine Kreditausweitung tut not, um die Gefahr eher Deflationskrise zu bannen. Aus Sorgen vor einer möglichen Deflation betrachten Frankreichs Wirtschafts- und Regierungskreise einen neuen Schuß Inflation als das kleinere Übel.

Diese Kreditausweitung soll allerdings klug und sorgsam dosiert werden. Ein neues Schlagwort wurde für diese Politik geprägt: „Economic orientée“. Charles Barangé, Berichterstatter des Finanzausschusses der Nationalversammlung, scheint der Vater dieses Begriffes zu sein. Er hat mit der Geburt dieser Economic orientée zugleich den Tod des „dirigisme“ und des „liberalisme economique“, der Wirtschaftssteuerung, und des ökonomischen Liberalismus, angekündigt.

Um die Kreditausweitung zu rechtfertigen, wird die gegenwärtige Lage schwarz in schwarz gemalt. Die Umsätze lassen nach; es bestehe die Gefahr, daß die Steuereingänge zurückgehen, die Produktion absinkt, die Arbeitslosigkeit zunimmt, das Geld immer knapper wird, die Liquiditätsschwierigkeiten sich verstärken usw. Wohl gemerkt: Auch wer für eine Kreditausweitung eintritt, spricht nur von der Gefahr eher Krise. Typische Krisenerscheinungen sind nämlich noch nicht erkennbar. Nur die Inflationskenjunktur gehört seit dem Spätherbst vorigen Jahres der Vergangenheit an; die Verhältnisse normalisieren sich; an Stelle der jahrelangen Mangelwirtschaft ist nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage getreten, sondern auf wichtigen Gebieten, wie für Lebensmittel und Textilien, sogar ein Überangebot. Die Absatzstockung auf einigen Gebieten führte zu einer Illiquidität in Zweigen des Handels, aber kaum in der Industrie. An Arbeitslosen wurden bisher nur 35 000 statistisch erfaßt.

Die Regierung hat sich aber dennoch für eine Politik der „maßvollen“ Kreditausweitung entschossen. Von entscheidender Bedeutung dürfte dabei der nach den Kantonalwahlen wieder stark gestiegene Einfluß des früheren Minister-Präsidenten Reynaud gewesen sein, der auch heute noch, außerhalb der Regierung stehend, die Politik des Finanzministeriums maßgeblich mitbestimmt. Dieser Entschluß der Regierung ist um so bemerkenswerter, weil der nationale Kieditrat, der nach dem Kriege eingesetzt worden ist erklärt hat, daß an der bisherigen Politik der Krediteinschränkung festgehalten werden müßte. Ende März hatte er allerdings der Erhöhung des Plafonds für Handelswechsel zugestimmt

Der Kreditrat hat in Verbindung mit der Regierung die Politik der Krediteinschränkung im September vorigen Jahres wesentlich ausgebaut und dabei die bisherigen qualitativen Kreditrestriktionen durch quantitative ergänzt. Industrie und Banken fanden zwar Wege, um sich Kredite zu beschaffen: die Ausweise der Bank von Frankreich lassen eine ansehnliche Kreditexpansion klar erkennen. Aber Geld wurde doch knapper.

Die Gefahren der neuen Politik sind erheblich, zumal Haushalt und Zahlungsbilanz keineswegs so ausgeglichen sind, wie es manchmal dargestelltwird. Vielmehr können von beiden Seiten empfindliche inflationistische Tendenzen aufkommen. So erklärt sich die Erhöhung des Notenumlaufs Ultimo März zu 21 Mrd. aus einer Erhöhung der staatlichen Vorschüsse bei der Bank von Frankreich, obwohl die Anleihe 100 Mrd. an neuem Geld eingebracht hat. Im abgelaufenen Jahr waren die staatlichen Ausgaben von 1,6 Billionen nur zu einer Billion durch Steuereinnahmen gedeckt. In diesem Jahr stehen Ausgaben von 1,9 Bill. Steuereinnahmen von 1,25 Bill, gegenüber. Der Fehlbetrag soll über Marshall-Plan-Gegenwertfonds, Anleihen usw. gedeckt werden. Aber es verbleibt offensichtlich ein ansehnliches Loch, zumal Indochina-Krieg und Aufrüstung erhebliche zusätzliche Beträge erfordern.