R. K. N., Zürich, Mitte Mai Auch die Schweiz wird unter dem Druck des allgemeinen wirtschaftlichen Dirigismus von ihrem Wirtschaftsliberalismus immer mehr abgedrängt. Dies ist die unvermeidliche Folgeerscheinung, die überall da eintreten wird, wo eine „Freiwirtschaft“ von Planwirtschaften umgeben ist. Anläßlich der Tagung des schweizerischen Großhandels in Bern sprach der Vizepräsident der Handelszentrale von einer notwendigen Verteidigungsmaßnahme, von einem Dirigismus contra coeur. Es gibt bereits eine Reihe von Fakten, die mit der liberalen schweizerischen Wirtschaftstradition eigentlich unvereinbar sind.

Da die Schweiz sich zwar ein monatliches Handelsbilanzpassivum von etwa 100 Mill. Franken leisten kann, weil ihre Zahlungsbilanz auch dann noch ausgeglichen bleibt, so aber die Akkumulierung unrealisierbarer Forderungen im Ausland verhindert wird, muß sie also immerhin eine restriktive Außenhandelspolitik treiben. Derart ist sie, während andere Staaten ihren Import kontingentieren müssen, gezwungen, dem Export Kontingente zu setzen. In seinem letzten Bericht über die wirtschaftlichen Maßnahmen gegenüber dem Ausland hat der Bundesrat ausdrücklich betont, daß nicht darauf verzichtet werden könne, die Ausfuhr entsprechend den Zahlungsmöglichkeiten der Abnehmerländer zu beschränken. Dies aber heißt, daß der Export Privileg wird – weitgehend vergleichbar den Handelsprivilegien vergangener Jahrhunderte. Da, Exportkontingente also schon „als solche“ einen Wert darstellen, geben sie dem Kontingent-Inhaber. eine wirtschaftliche Vorzugsstellung, eine der vielen Anomalien, welche die allgemeine Zerstörung des internationalen Marktgefüges auch innerhalb der schweizerischen „Freiwirt-Schaft“ bewirkt hat.

In welchem Maße diese auch in der Schweiz abgebaut werden muß zeigt die Bestimmung des abgeschlossenen Handelsvertrages mit England, in dem sich Bern verpflichten mußte; in möglichst großem Umfang Waren aus dem Sterlingraum zu beziehen, also die Einfuhr aus Großbritannien zu begunstigen Die Frage, – ob diese Bestimmung nicht gegen die Meistbegünstigungsklausel anderer. Handelsverträge verstößt, ist hier nicht zu prüfen. Wesentlich aber bleibt die Feststellung, daß also bewußt eine Politik der Einfuhrlenkung getrieben wird, die einer preislich und qualitativ nicht konkurrenzfähigen Ware, die sich allein den Markt nicht erobern

kann, diesen öffnet. Nach der Kontingentierung der Ausfuhr bedeutet dieser Schritt zur Kontingentierung der Einfuhr eine schwerwiegende Abkehr von den Grundsätzen der Freiwirtschaft in der Schweiz, ihrem letzten europäischen réduit.