Heute irritiert es nicht mehr, wenn eine Inschrift von rechts nach links, die andere von links nach rechts, die dritte von oben nach unten gelesen werden muß, denn man weiß, daß dies der Brauch inzwischen festgelegter verschiedener Zeiten war. Zehntausend Papyri kamen nach Europa, immer neue Inschriften von Gräbern, Denkmälern, Tempeln wurden schließlich fließend gelesen. Posthorn erschien von Champollion die „Grammaire Egyptienne“ (Paris 1836–1841), dann der erste Versuch eines altägyptischen Wörterbuches (die Erklärung der Sprache ging stets mit der Entzifferung der Schrift Hand in Hand), Bauend auf diesen Ergebnissen und den Forschungen der Späteren gelang der Wissenschaft der nicht nötige, aber stolze Schritt von der Entzifferung zum Schreiben. Im „Egyptian ischen Nationen gemeinsam am selben Werke schufen, demselben Ziele zustrebten, geeint durch den allem übergeordneten Drang nach Erkenntnis und Wahrheit.

„Einer der bemerkenswertesten Männer in der ganzen Geschichte der Ägyptologie“, sagt der Archäologe Howard Carter, und er meint damit Giovanni Battista Belzoni (1778 bis 1823), der sich, nicht lange bevor er nach Ägypten kam, in einem Londoner Zirkus als „starker Mann“ produziert hatte. Wir wissen längst, daß in der Geschichte der Archäologie die Außenseiter eine wichtige Rolle spielen. Das Äußenseitertum Belzonis ist aber gewiß eines der absonderlichsten. Aus achtbarer römischer Familie stammend, in Padua geboren, sollte er Geistlicher oder Mönch werden. Bevor er die Kutte anzog, geriet Court des Kristallpalastes zu Sydenham sind die Namen der Königin Victoria und des Prinzgemahls Albert in Hieroglyphen angebracht. Der Hof des „Ägyptischen Museums“ in Berlin zeigt seine Gründungsschrift in hieroglyphischen Zeichen.

An vier Namen knüpfen sich die großen ägyptologischen Entdeckungen der Jahrzehnte nach Champollions Entzifferung der Hieroglyphen. Man kann sie mit Beinamen versehen. Es sind der Italiener Belzoni, der Sammler; der Deutsche Lepsius, der Ordner; der Franzose Mariette, der Bewahrer; und der Engländer Petrie, der Messer und Deuter. Es wäre für die Zukunft gut, wenn man ein Sinnbild darin sähe, daß die Angehörigen der vier großen europäer in politische Intrigen. Statt in das ihm zugedachte italienische Gefängnis ging er nach London. Es gibt einen Bericht, in dem der „italenische Riese“ und „starke Mann“ beschrieben wird, der jeden Abend eine Anzahl Männer rund, um eine Tingeltangel-Bühne trägt, offensichtlich noch weit entfernt von archäologischem Ehrgeiz. Es scheint, als ob er dann Maschinenbau studiert habe (aber auch Scharlatanerie ist ihm zuzumuten), denn 1815 glaubt er durch die Einführung eines mechanischen Wasserrades, das viermal soviel Arbeit leisten sollte wie die Schöpfräder der Eingeborenen, in Ägypten sein Glück machen zu können. Auf jeden Fall muß er ein Mann von Geschick gewesen sein, denn immerhin erfocht er sich die Erlaubnis, sein Modell im Palaste Mohamed Alis aufzustellen, des nicht ungefährlichen Mannes, der zum Pascha und Herrn Ägyptens aufgestiegen war. (Wird fortgesetzt)