Ein Kind, das Hieroglyphen lesen will – Champollion und der Stein von Rosette – Vom Tingeltangel zur Archäologie

Von C. W. Ceram

Soldaten! Vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!“, rief Napoleon aus in einer Ansprache am Fuße der Pyramiden, und in diesen Worten schwingt der ehrfürchtige Schauer vor der gewaltigen, europäische Vorstellungen und Maße in den Schatten stellenden Geschichte des Pharaonen-Reiches. Damals, als Napoleon mit Truppen und Gelehrten in das sagenumwobene Land am Nil vorstieß, war von der großen Geschichte Ägyptens nur noch eine Ahnung in den Lebenden vorhanden. Denkmäler und Zeugnisse einer Jahrtausende umspannenden Kultur hatte der ewig wehende Wüstensand verschluckt, überlieferte Urkunden waren mit Schriftzeichen bedeckt, den Hieroglyphen, die niemand mehr zu entziffern vermochte. Die Expedition Napoleons, militärisch mißraten, bewirkte dennoch, auf lange Sicht gesehen, die politische Erschließung des modernen Ägyptens und die wissenschaftliche seiner Vergangenheit. Die Wiederentdeckung des Pharaonen-Reiches, die Wiederauffindung seiner Denkmäler und Schätze gleicht einem atemberaubenden Abenteuerroman. Er beginnt mit dem verbissenen Ringen eines Mannes um die Entzifferung der räselhaften Schrift und findet seinen Höhepunkt in der Entdeckung des Tut-anch-Amon-Grabes, dessen Kostbarkeiten und gelüftete Geheimnisse die ganze Welt in einen Rausch der Begeisterung versetzten. – Im Rowohlt-Verlag erscheint demnächst ein Werk „Gräber, Götter und Gelehrte“, das der Verfasser, C. W. Ceram, im Hinblick auf den spannungsreichen Ablauf moderner Forschung mit Recht als „Roman der Archäologie“ bezeichnet Wir veröffentlichen daraus die fesselndsten Kapitel,, die einer der Großtaten des modernen Geistes gewidmet sind: der Wiedererweckung von ungefähr viertausend Jahren ägyptischer Vergangenheit.

Der Arzt konstatierte nach Untersuchung des jungen François mit viel Erstaunen, daß er eine gelbe Hornhaut besaß, was sonst nur dem Orientalen eigen und bei einem Mitteleuropäer eine Kuriosität ersten Ranges bildet. Darüber hinaus hatte er einen ungewöhnlich dunklen, fast braunen Teint, und auch der ganze Schnitt seines Gesichtes war ausgesprochen orientalisch. Zwanzig Jahre später nannte man ihn allgemein den „Ägypter“.

Er war ein Kind der Revolution. Im September 1792 war in Figeac die Republik verkündet worden. Champollions Vaterhaus stand dreißig Schritte vom Place d’armes (der später seinen Namen tragen sollte), auf dem der Freiheitsbaum gepflanzt wurde. Das erste, was er bewußt hörte, war die rauschende Musik der Carmagnole und das Weinen derer, die in seinem Vaterhaus Schutz suchten vor entfesseltem Pöbel, darunter ein Priester, der sein erster Lehrer wurde.

Fünf Jahre alt ist er – notiert ein gerührter Biograph –, als er sein erstes Entzifferungswerk durchführt, indem er dadurch, daß er Auswendiggelerntes mit Gedrucktem vergleicht, sich selber das Lesen beibringt. Er ist, so berichten Zeugnisse und Aussagen; ein schlechter Schüler in Figeac. Deshalb holt ihn im Jahre 1801 sein Bruder, ein begabter Philologe, archäologisch sehr interessiert, nach Grenoble und übernimmt seine Erziehung. Der elfjährige François zeigt sehr bald im Lateinischen und Griechischen ganz ungewöhnliche Kenntnisse und widmet sich mit erstaunlichem Erfolg der Erlernung des Hebräischen. Während einer Schulinspektion kommt der Präfekt mit François in eine Debatte, merkt auf, lädt ihn ein zu sich und zeigt dem Kinde seine ägyptische Sammlung. Der dunkle Knabe blickt verzaubert auf die ersten Papyrusfragmente, sieht fasziniert die ersten hieroglyphischen Inschriften auf Steintafeln. „Kann man das lesen?“ fragt er. Der Präfekt schüttelt den Kopf. „Ich werde es lesen!“ sagt der kleine Champollion, völlig überzeugt. „In ein paar Jahren werde ich es lesen! Wenn ich groß bin!“ Erinnert das nicht an den anderen Knaben, der zu seinem Vater sagte: „Ich werde Troja finden!“? Ebenso überzeugt, von ebenso traumwandlerischer Sicherheit?

Im Bannkreis Ägyptens