Gew. London, Mitte Mai

Sie ist nicht nur auf das leise Flügelrauschen des Friedensengels und auf die Aufhebung der Blockade Berlins zurückzuführen. Sie ist auch nicht allein mit der langsamen, an Rückschlägen reichen Entbitterung der Stimmung gegenüber Deutschland zu erklären. Sie findet ihren Grund auch nicht nur in der beachtlichen Entschlossenheit Westdeutschlands zum Wiederaufbau. Sie – die Hausse in alten deutschen Anleihen an den Börsen von Zürich, London und New York – entspringt nicht zuletzt traditionellem Börsendenken.

Wenn die Namen einer uns Deutschen so weit zurückliegenden Vergangenheit, wie Dawes- und Young-Anleihen, wieder auftauchen, wenn nicht nur ein paar Makler bemüht sind, ein wenig Bewegung in den Kurszettel zu bringen, wenn wirklich größere Umsätze zu steigenden Kursen in uns ziemlich wertlos geltenden Anleihen erfolgen: dann muß man etwas Konkreteres dahinter vermuten als nur einen Anfall von Börsenfieber. Was veranlaßt plötzlich, in den letzten zwei, drei Wochen, Besitzer von guten Franken, Pfunden oder Dollar, sie in Anleihen anzulegen, mit denen vergeblich nach dem ersten Kriege versieht wurde, die wirtschaftlichen Kriegsfolgen zu beseitigen, bevor Hitler sich des preiswerten Arguments der „internationalen Schuld an der deutschen Not“ bemächtigte? Was hat die Kurse von Dawes und Young, die sich mit 4 bis 5 v. H. (und ohne Aufnahmefähigkeit des Marktes!) tief genug in der Vergessenheit befanden, in das Scheinwerferlicht der Spekulation bei Kursen von 10 bis 12 v. H. und zeitweise noch darüber gebracht?

Manche Käufer mögen die Aufhebung der Berliner Blockade mit dem Beginn einer einheitlichen Viermächte – Friedenspolitik gegenüber Deutschland verwechselt haben. Manche mögen die Auswirkungen von Marshall-Hilfe und Währungsreform auf die westdeutsche Wirtschaft für eine Erholung halten, deren Tempo sich „bis in den Himmel hinein“ beibehalten läßt. Manche Leute glauben jedoch in ihrer Annahme besonders klug zu sein, daß Deutschland nicht eher neue Auslandskapitalien erhalten werde, bis es seine alten Auslandsschulden ganz oder – mit Einverständnis der Auslandsgläubiger – wenigstens teilweise zurückgezahlt habe. Deshalb würde Deutschland, so argumentiert man weiter, alles daransetzen, um mit seinen Gläubigern von früher, zu einem friedlichen Übereinkommen zu gelangen.

Uns scheint dieses vor allem in der Schweiz sehr verbreitete und vom Standpunkt des privaten Gläubigers aus vollkommen logische Argument für den Augenblick nur zu zeigen, wie weit wir noch von der Wiederaufnahme ausländischer Kredite an ein „anonymes“ Deutschland – jedoch nicht unbedingt von konkreten Investitionen in bestimmten einzelnen deutschen Unternehmen – entfernt sind. Sicherlich wäre Deutschland voll bereit, seine Auslandsverpflichtungen abzudecken – doch seine Auslandsaktiven, gleichgültig, ob vor oder nach Ausbruch des Nazismus entstanden, sind vom Ausland beschlagnahmt.

Was die neuen Auslandsaktiven betrifft, also die Erlöse aus der deutschen Ausfuhr, so wird auch über ihre Verwendung noch nicht von uns, sondern von den Beauftragten der Militärregierungen verfügt. Oberste Grundregel ist dabei, daß Ausfuhrerlöse für laufende Einfuhren, nicht für alte Schulden verwendet werden dürfen – und diese Regel hat eine genügend vernünftig Begründung in der Feststellung, daß die Zahlungen des amerikanischen und britischen Steuerzahlers für die Wiederherstellung der deutschen Wirtschaftskraft nicht auf Umwegen in die Taschen ausländischer Gläubiger des „alten“ Deutschlands fließen sollen.

Nur soviel steht wohl fest: die Hausse in „Deutschen“ darf von uns nicht als ein Schritt auf dem Wege zu privaten Auslandsanleihen (an deutsche Länder, Städte, Kommunalgesellschaften oder große deutsche Konzerne) gewertet werden. Tätige Beteiligungen des Auslandes erscheinen, eine politisch beruhigte Atmosphäre vorausgesetzt, nicht ausgeschlossen. Ob uns jedoch für stille Beteiligungen jetzt schon genügend Kreditwürdigkeit zugesprochen wird, mag zweifelhaft erscheinen.