Während sich die Großmächte den Kopf über lie Berliner Blockade, das Ost-West-Verhältnis und andere schwierige Probleme zerbrechen, tagt seit einer Reihe von Wochen in der kubanischen Hauptstadt Havanna eine Konferenz von zwölf lateinamerikanischen Staaten. Eifrig wird darüber diskutiert, wie man England, Frankreich und Holland, die in der westlichen Hemisphäre noch Kolonialbesitz haben, auf friedlichem Wege von dort vertreiben könnte. Das wunderlichste ist die Hartnäckigkeit, mit der die Teilnehmer – allen voran Argentinien und Guatemala – auf der Abhaltung dieser Konferenz bestanden haben. Denn die Einwohner der zur Debatte stehenden Gebiete haben bisher nicht den Wunsch geäußert, autonom zu werden oder sich einem lateinamerikanischen Nachbarstaat anzuschließen, was man ihnen bei dem augenblicklichen politischen Wellengang in Lateinamerika nicht politischen kann. Die USA sagten in Havanna mit der Begründung ab, daß es zur Zeit wichtigere Dinge gäbe. Und schließlich erklärte sich der Hauptbetroffene, England, schon immer bereit, Streitfälle dieser Art dem Internationalen Gerichtshof, zu übertragen, weigerte sich aber ebenso wie Frankreich und Holland, eventuellen Havanna-Resolutionen irgendein Gewicht beizumessen.

Hatten 1947 in Bogotá noch 17 lateinamerikanische Länder die Havanna-Konferenz gefordert, so trafen sich, jetzt nur noch zwölf in Kubas Hauptstadt. Die Vermutung, daß nur platonische Beschlüsse zu erwarten wären, wurde durch den Konferenzverlauf bestätigt. Neben mehr oder weniger fruchtlosen Debatten über Verfahrensfragen schien es den Initiatoren Argentinien und Guatemala hauptsächlich darauf anzukommen, die übrigen Teilnehmer von der Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche auf die Falkland-Inseln und einige antarktische Sektoren sowie auf Britisch-Honduras zu überzeugen. Venezuela und Brasilien, die gewisse Forderungen auf die drei Guayana-Kolonien erheben, waren nicht erschienen. Und eine Autonomie für die paar Dutzend kleiner und kleinster Inseln im Karibischen Meer zu diskutieren, auf die kein lateinamerikanischer Staat Anspruch erhebt, dies schien doch allzu müßig.

Die Tatsache, daß Argentinien und Guatemala sich bisher hartnäckig geweigert haben, ihre Gebietsansprüche im Haag vorzutragen, läßt darauf schließen, daß sie von der juristischen Stichhaltigkeit ihrer Argumente nicht restlos überzeugt sind und den Versuch vorziehen, die europäischen Kolonialbesitzer mit Mehrheitsbeschlüssen zum Rückzug zu bewegen.

Der gewählte Zeitpunkt ist denkbar ungünstig; denn weder Argentinien noch Guatemala können erwarten, in einem Augenblick Unterstützung für nationale Expansionsbestrebungen zu finden, in dem sich die westliche Welt gerade über nationale Ressentiments hinweg zusammenschließt zum Schutze gegen weit größere Übel, als die Tatsache, daß es in Lateinamerika ein paar tausend Menschen gibt, die unter der Verwaltung eines europäischen Staates leben.. J. N.