Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gedachte in einer eindrucksvollen Feierstunde des hundertsten Geburtstages Felix Kleins, eines der Größten im Bereich der mathematischen Wissenschaft, der als Grundlagenforscher wie als Förderer der angewandten Mathematik in eine Reihe mit Archimedes, Newton, Leibniz und Gauß zu stellen ist.

Schon das Porträt von der Hand Max Liebermanns, das den Meister der mathematischen Grundlagenforschung Felix Klein in selbstbewußt ter Haltung zeigt und das an der großen schwarzen Tafel des Mathematischen Instituts zu Göttingen angebracht war, ließ erkennen, welchem Angedenken der Festakt galt –: einem wahrhaft großen Forscher und Lehrer. Auf den ersten Bänken hatten die inzwischen ergrauten Schüler und Mitarbeiter Kleins, selbst Träger berühmter Namen, Platz genommen, dahinter sah man erwartungsvolle junge Gesichter der neuen Studenten-Generation.

Felix Klein, dessen Werk die Professoren H. Kneser, Tübingen, L. Prantl und W. Lietzmann, Göttingen, würdigten, gehört zu den „Wunderkindern“; so wenigstens würde man im Bereich der Kunst und Musik sagen. Am 25. April 1849 in Düsseldorf geboren, promovierte er 1869 in Bonn – mit, 19 Jahren! – und wurde mit 23 1/2 Jahren ordentlicher Professor in Erlangen. Schon in seiner damaligen Antrittsvorlesung entwickelte Klein das „Erlanger Programm“, das seitdem der Ganzheit der Geometrie bis in unsere Tage ihre Struktur gegeben hat. Über München und Leipzig kam Klein 1886 nach Göttingen.

Was die Größe dieses Forschers außerhalb des Gebiets der reinen Mathematik ausmacht, ist die unermüdliche Förderung der angewandten Mathematik. Nach Anregungen nämlich, die er einer Reise nach Amerika verdankte, warb Klein industrielle Kreise für seinen Gedanken, Forschungsinstitute ins Leben zu rufen, die der Technik und Industrie unmittelbar zum Nutzen gereichen würden. So gründete Ludwig Prantl 1904 das Ärodynamische Institut (für Strömungsforschung), konstruierte den ersten Windkanal und gab damit der noch in den Kinderschuhen steckenden Luftfahrt die Grundlagen. Viele weitere naturwissenschaftliche Institute verdanken der Anregung Felix Kleins ihre Existenz, die Universität Göttingen, aber verdankt ihm ihren weit über die deutschen Grenzen hinaus gültigen Ruf. Zwar ist der Ruhm seiner eigentlichen Facharbeit nicht, wie man dies wünschen möchte, in die breite Öffentlichkeit gedrungen: das liegt an der Abstraktheit seiner Forschung. Dennoch aber wirkt sein Werk, mit dem er der Mathematik einen bedeutenden Markstein gesetzt hat, in die fernste Zukunft fort. Es tut wohl, sich in Zeiten wie den unsrigen, eines so leuchtenden Gestirns am wissenschaftlichen Himmel und eines so warmherzigen Menschen, wie Felix Klein es war, zu erinnern. O. B.