Der japanische Ministerpräsident Yoshida hat allen Grund, vergnügt zu sein: die Vereinigten Staaten haben die Einstellung aller Demontagen japanischer Industriebetriebe, einschließlich der Kriegsbetriebe, angeordnet. Aus den langen Gesichtern, die es auf diese Mitteilung des Generalmajors McCoy hin bei seinen völlig überraschten alliierten Kollegen von der fernöstlichen beratenden Kommission gab, kann man schließen, daß bei ihnen der Eindruck entstanden ist, die Amerikaner würden nun überhaupt keine Reparationslieferungen mehr aus Japan herauslassen, gleich welcher Art. Die japanische Regierung wird auch die Devisenkontrolle und damit den japanischen Außenhandel in eigene Regie übernehmen und plant bereits die Errichtung japanischer Handelsvertretungen in zehn Weltstädten, darunter New York, San Franzisko, Kaikutta, Johannesburg, Buenos Aires. 1000 Vertreter. von Privatfirmen sollen zur Sondierung der Marktlage und zum Besuch der ehemaligen Kundschaft ins Ausland geschickt werden.

Verglichen mit denen Yoshidas sind die deutschen Bemühungen um Einstellung der Demontagen und Lockerungen der Fesseln des Außenhandels weit weniger erfolgreich gewesen. Nicht einmal Dr. Pünders maßvoller Vorschlag, – die acht Großbetriebe der Schwerindustrie stillzulegen aber nicht zu demontieren, ist bisher beachtet worden. Wird hier nicht das Schicksal zweier besiegter Nationen mit zweierlei Maß gemessen?

Nein, es gibt keinen einheitlichen Maßstab dafür, wie die Zügel besiegter Völker zu führen sind – es kommt ausschließlich auf die Situation des Kutschers an, und das ist in Japan, zum Unterschied von Deutschland, praktisch gesehen ausschließlich die USA. Amerikanische Politik und Wirtschaft einerseits, und die Persönlichkeit Mac Arthurs andererseits – dieses größten „Ein-Mann-Theaters“ nach Winston Churchill – bestimmen uneingeschränkt Gegenwart und Zukunft Japans. Der Weg von der Rachezeit, in der Mac Arthur mit der Instruktion in Japan landete, „keinerlei Verantwortung für eine wirtschaftliche Gesundung oder eine Stärkung der japanischen Wirtschaft zu übernehmen“, über die Demokratisierungsperiode, von der ein japanischer Politiker gesagt hat: „Vieltausend Jahre alt, wird Japan getauft“, bis zu dem jetzigen Demontagestop und der neuen Wirtschaftsbefreiung, spiegelt die Steuerung. Japans rein amerikanische Auffasungen.

Die Aufmerksamkeit, wenn nicht das Schwergewicht der Weltpolitik beginnt, sich von West nach Ost zu verlagern. Das gilt sowohl für Rußland auf Grund seiner Erfolge in China, wie auch für Amerika auf Grund seiner Mißerfolge. Von den USA aus gesehen muß Japan wieder stark werden und aus den Strudeln seiner Wirtschaftskrisen auftauchen, wenn es in der unmittelbaren Nachbarschaft von 700 Millionen Kommunisten ein demokratischer Freihafen bleiben oder werden soll. Es bietet die einzige Möglichkeit, das auf dem asiatischen Festland Verfehlte wiedergutzumachen. Daß es dabei Proteste hagelt, von England, Australien, Indonesien, Philippinen und anderen mehr, ist verständlich. Vor dem Krieg verkaufte Japan in England Baumwollstrümpfe zu einem Preis, den der englische Fabrikant für das Garn allein aufwenden mußte. Inzwischen ist der japanische Arbeiter nicht teurer geworden und auch nicht ungeschickter. 5 Millionen Auslandsjapaner sind repatriiert worden, kein stehendes Heer schöpft Arbeitskräfte ab. Das japanische Potential ist ungeheuer groß, und bedrohlich für alle.

Der neue Wirtschaftsplan setzt sich zum Ziel, daß der amerikanische Steuerzahler von 1953 an für Japan keine Zuschüsse mehr aufzubringen braucht. Bis dahin soll die Ausfuhr auf 1,3 Mrd. Dollar gesteigert werden, davon entfällt planmäßig mehr als die Hälfte auf Textilien. Gerade diese aber bilden den neuralgischen Punkt der englischen Exportpolitik, während den USA die Belieferung Japans mit Baumwolle ausgezeichnet in ihr wirtschaftliches Konzept paßt.

1,3 Mrd. Dollar japanischer Exportgüter werden in der Welt nicht leicht unterzubringen sein, vor allem jetzt nicht, nachdem die Kommunisten die offene Tür nach China zugeschlagen haben, Japan, die Werkstatt Asiens, ist ohne den chinesischen Markt nicht denkbar. Darin liegt die Gefahr der neuen Japan-Politik der Vereinigten Staaten. Ist ein wirtschaftlich starkes Japan wirklich ein Wall gegen die rote Flut auf dem Festlande, wenn es mit seiner Industrieproduktion von den roten Festlandsmärkten abhängt? Vielleicht hat deswegen Genosse Nozaka, der Anführer der japanischen Kommunisten, so vergnügt gelächelt und sich die Hände gerieben, als er kürzlich nach seiner Ansicht über die Entwicklung in China in ihrer Bedeutung für Japan befragt, nur sagte: „Gut, sehr gut!“ Demontage- und Reparationsstopp öffnen für Japan einen kurzen Weg in eine große Zukunft. Und wenn das japanische Sprichwort: Wo Japan hingeht, da geht Asien hin, auch weiterhin sein Recht behalten, mag, so fragt sich doch, ob es Yoshidas oder Nozakas Weg sein wird. C. D.