Wer nach zehnjähriger Abwesenheit das erstemal den Boden der Union von Südafrika, betritt – die zu den wenigen wirklichen Gewinnern des vergangenen Krieges gehört –, stellt bei einem Vergleich sehr schnell fest, wieweit Europa (Deutschland spielt dabei die letzte Rolle) von einer Normalisierung der Verhältnisse entfernt ist. Eine fast unvorstellbare Freihei: empfängt den Reisenden, eine Freiheit, die politisch ebenso wie wirtschaftlich und persönlich ist

Südafrika hat infolge seiner strategischen und geopolitischen Lage im letzten Kriege eine erhebliche Rolle gespielt: als Waren- und Truppen-Umschlagplatz zwischen den Kontinenten, als Lieferant von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und auch von Fertigwaren, die zum Teil direkt, zum Teil indirekt für die Rüstung gebraucht wurden. Von jeder kriegerischen Handlung verschont, mit praktisch unlimitierten Kapitalien versehen, konnte sich die Wirtschaft in einem erstaunlichen Maße ausdehnen. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß die Entwicklung auf etwa ein Viertel der Zeit komprimiert wurde, die bei normalen Verhältnissen für die Entwicklung notwendig gewesen wäre. Dementsprechend ist Südafrika ein Land mit geradezu vollkommener Friedenswirtschaft, mit einem sehr hohen Lebensstandard nicht nur für die Europäer, sondern, gemessen an anderen Kolonialvölkern, auch für die Farbigen, so daß man fast sagen kann: im Schnitt gesehen, leben die Menschen über ihre Verhältnisse. Es ist daher interessant, jetzt zum ersten Male nach den langen Jahren steiler Aufwärtsentwicklung Anzeichen eines rückläufigen Geschäftsganges feststellen zu können. Die Wertpapierbörse ist ausgesprochen schwach. Kapitalmangel macht sich bemerkbar. Die Tendenzen des Konjunkturrückganges – von Krise zu sprechen wäre falsch – erklären sich nicht zuletzt, ähnlich wie in anderen Ländern, daraus, daß der wirtschaftliche Nachholbedarf der Nachkriegszeit gedeckt ist und nun an seine Stelle der normale Bedarf tritt.

Bemerkenswert ist, daß auch in Südafrika Maßnahmen der Kreditrestriktion von der Notenbank eingeleitet worden sind, deren Auswirkungen sich deutlich bemerkbar machen – nur, daß natürlich die Kapitalbildung dort unvergleichlich stärker ist als bei uns. Die völlige Freiheit hat zu übersteigerten Importen, besonders? an Konsumgütern, geführt. Es sind beispielsweise mehr ausländische Radioapparate importiert worden, als der Zahl der weißen Bevölkerung entspricht. Große Mengen Lebensmittel, die aus eigener Produktion geliefert werden können, wurden eingeführt. Auch von der Seite der Goldproduktion her erfährt die konjunkturelle Entwicklung eine Beeinträchtigung. Der Goldpreis ist; durch den Internationalen Währungsfonds, auf den Stopppreis von 1936 festgesetzt. Die Produktionskosten haben sich seitdem ganz erheblich erhöht, so daß die Gewinnspanne gering geworden ist und ein beträchtlicher Ausfall an Devisen entstand. Dieser Ausfall, zusammen mit den übersteigerten Importen, hat einen bedrohlichen Devisenmangel hervorgerufen, so daß sich die Regierung vor einigen Monaten gezwungen sah, alle Einfuhren scharf zu kontingentieren und zu kontrollieren. Es ist eine lange Liste aufgestellt von Gütern, deren Einfuhr völlig verboten ist. Für die übrigen Artikel wird nur die Hälfte der Einfuhren aus dem Jahre 1947 bewilligt, das sich durch relativ geringe Importe auszeichnete. Von dieser Maßnahme wurde auch der deutsche Export betroffen. Es ist beabsichtigt, vom 1. Juli an ein völlig neues Schema, in Kraft zu setzen. Danach soll die Zuteilung an Devisen nicht mehr auf den Importeur abgestellt werden, sondern an die einzuführende Ware gebunden sein.

Es darf nicht übersehen werden, daß die Einfuhrrestriktionen – abgesehen von devisenmäßigen Gründen – auch wirtschaftspolitischen Erwägungen folgen und sich als eine indirekte Hilfe für die stark in den Vordergrund getretene südafrikanische Industrie auswirken. Die industrielle Tätigkeit in der Union hat keineswegs nachgelassen und wird auch von den maßgebenden Stellen betont gefördert. Für Investitionen auf industriellem Gebiet werden alle Erleichterungen gewährt – selbst finanzielle Unterstützungen –, sofern die Projekte im Interesse des Landes liegen. Das Investitionsprogramm ist sehr umfangreich. Amerikanische und englische Firmen haben sich in diese Aufgaben ebenso wie Firmen aus verschiedenen Ländern des Kontinentes eingeschaltet, wobei man manches Mal den Eindruck hat, daß es sich bei solchen Investitionen teilweise um die Unterbringung von Fluchtkapital handelt.

Die Voraussetzungen für die Industrialisierung in Südafrika sind angesichts der Rohstoffbasis günstig. Jedoch erhebt sich die schwerwiegende Frage, ob bei voller Ausnutzung der bestehenden und geplanten industriellen Kapazitäten der Absatz einer steigenden heimischen Produktion gesichert ist, bei einer Bevölkerung von nur etwa 2 Mill. Weißen und 9 Mill. Farbigen. Tatsächlich müßte der industrielle Zuschnitt des Landes als übersetzt angesehen werden, sofern nicht eine großzügige Einwanderung gefördert oder der schon jetzt gegenüber der Vorkriegszeit erhöhte Lebensstandard der Farbigen weiter gesteigert wird. Trotzdem bieten sich auch für Deutschland noch eine Fülle von Absatzmöglichkeiten, wenn wir qualitativ, preislich und in der Aufmachung mit der sehr scharfen Konkurrenz der wichtigsten Exportländer Schritt halten können. Ein dankbares Feld wird vor allen Dingen die deutsche Investitionsgüterindustrie vorfinden, da nicht nur die private Industrie, sondern auch großzügige staatliche Bauten, wie die Vergrößerung der Häfen, die Entwicklung des Straßennetzes, der Bau neuer großer Goldminen. im Oranje-Freistaat – um nur einige Beispiele herauszugreifen – für deutsche Lieferanten höchst interessante Objekte, darstellen.

Die Stimmung der südafrikanischen Bevölkerung, auch der maßgeblichen Handels- und Regierungskreise, gegenüber Deutschland ist aufgeschlossen. Die Regierung Malan ist sehr interessiert, den vor dem Kriege für beide Teile umfangreichen Handel wieder zu aktivieren. Voraussetzung dafür ist genügend handelspolitische Freiheit, um im Rahmen eines direkten Handelsabkommens die unerläßlichen Möglichkeiten für einen Güteraustausch in befriedigendem Umfang zu schaffen.

Deutschland ist für Südafrika immer noch wie vor dem Kriege ein sehr bedeutsamer Markt, wenn auch infolge der bestehenden Verhältnisse die südafrikanische Produktion weitgehend ihren Weg über England oder andere Transitländer nimmt. Umgekehrt ist gerade der südafrikanische Markt infolge der dominierenden Stellung, die die Union infolge ihrer Initiative und ihrer Tatkraft in der Ausnutzung der gegebenen Möglichkeiten künftig auf dem afrikanischen Kontinent haben wird, für Deutschland ein interessantes und lohnendes Absatzgebiet. Es wäre zu wünschen, daß recht bald die nötigen handelspolitischen Voraussetzungen geschaffen werden, um die sich bietenden Chancen auszunutzen.