Pät Lagerkvist-Uraufführung

Stockholm, im Mai Ein Kollektiv von vierzehn Personen, nein, von Seelen, von Gemordeten, schleudert seine Anklage in den Zuschauerraum. Ein Siebzehnjähriger ist darunter –: er wurde umgebracht, weil er einen Schwarzsender hatte, ein leibeigener Bauer wurde gehängt, weil er eine Hammelkeule gestohlen, der Neger Joe Brown berichtet knapp: „Gelyncht in Kolumbia, South Carolina, im Frühjahr 1922...“ „Von unbekannten weißen Geschöpfen enthauptet, zusammen mit unserem ganzen Volk, deren Gott mächtiger war als der unsrige“, sagt ein Inkahäuptling aus. Eine 1634 lebendig begrabene Hexe berichtet von ihrem Tode am Allerheiligen-Tag und fügt hinzu: „Für mich kommt nie ein Tag der Auferstehung.“ Jeanne d’Arc tritt auf –: „Gestorben für Frankreich“, Giordano Bruno –: „Auf dem Scheiterhaufen für die Wahrheit.“ Und die Comtesse de la Roche-Montfaucon, guillotiniert am 4. Oktober 1793, meint, man hätte ihren Tod getrost mehr bestaunen sollen. (So eitel ist die Comtesse.) Auch ein christlicher Märtyrer erhebt seine Stimme: er wurde „von wilden. Tieren zerfleischt, weil er an den liebenden Gottessohn, den Erlöser der Welt, geglaubt“. Er ist der einzige, der demütig niederkniet: eine Stimme der Klage, nicht der Anklage und es wird für einen Augenblick still auf der Szene. Die Melodie des Adventchorales „Gott sei Dank durch alle Welt“ klingt auf. Judas Ischariot gibt Rechenschaft über den Verrat am Christentum, aber er ist – sich nicht darüber im klaren, ob Christus Gottes Sohn gewesen oder nicht. Sokrates endlich betritt die Szene: seinen Leib konnte man töten, nicht aber seine Seele ... Dem Liebespaar Paolo Malatesta und Francesca da Rimini, die in Liebe sündigten und getötet wurden, sind die Schlußworte in den Mund gelegt, nach denen das szenische Werk des Dichters Pär Lagerkvist seinen Namen trägt: „Laßt Menschen leben!“

Das Königliche Dramatische Theater in Stockholm bereitete dem Werk in der „Lilla Scenen“ unter Widgrens Regie einen bedeutenden Erfolg. Es ist kein Theaterstück im eigentlichen Sinne, es ist am nächsten dem Hörspiel verwandt: man möchte fordern dürfen, daß es seine dichterische und moralische Kraft über alle Sender der Erde ausstrahlen könnte.

Gerhard Krause