Der Film „Liebe 47“ nach dem Theaterstück von Wolf gang Borchert „Draußen vor der Tür“ (Regie Wolfgang Liebeneiner) lief nun auch in Hamburg an. Wie das Göttinger Theater mitteilt, in dem die Uraufführung stattfand („Die Zeit“ berichtete darüber in ihrer Ausgabe vom 10. März), war der Film „der größteErfolg seit der Währungsreform“.

Eine Atombombe kann hunderttausend Menschen töten. Die Wissenschaftler warnen uns – und dann glauben sie, ihre Pflicht getan zu haben. Ist einer von ihnen in den Sicherheitsrat eingebrochen und hat den Führern der Menschheit, die die menschliche Geschichte bestimmen, die Wahrheit über den modernen Krieg gesagt? Hat irgend jemand sie dazu herausgefordert? Haben wir es getan, wir, die Mütter? Der Reichtum der Welt wird für Waffen ausgegeben, das Mannestum der Welt wird in Armeen verbraucht; jede vernünftige Weltplanung ist unmöglich, weil jedes Land, mit der Möglichkeit des Krieges rechnet. Wir können nicht darauf warten, daß ein neuer Krieg durch den Sieg einer Ideologie beendet wird: durch den Sieg der Demokratie, des Kommunismus oder einer anderen Richtung. Am Anfang steht nicht die Ideologie, sondern das Leben. Das Leben steht auf dem Spiel. Wenn die Frauen der Welt die Mörder ihrer Kinder nicht bekämpfen, dann hat die Frau Schiffbruch erlitten, und damit ist der Schiffbruch der Menschen besiegelt.“ Diese Worte der amerikanischen Journalistin Dorothy Thomson leiten das Buch „Der Ruf der Mutter“ ein, in dem Namen wie Ricarda Huch, Ina Seidel, Evamaria Brailsford (England), Thyde Monnier (Frankreich) und Margaret. Mead (USA) vertreten sind. (Herausgegeben von Barbara Nordhaus-Lüdecke im Verlag Kurt Desch, München. „Die Zeit“ brachte Auszüge in ihrer Ausgabe vom 11. November 1948). Frauen aus mehr als fünfzehn Staaten haben darin ihre warnende Stimme erhoben. Ihre Worte klingen wie eine Fortsetzung der Anklage, die in dem Film „Liebe 47“ die Frau Anne gegen den ehemaligen Soldaten Beckmann und an die Adresse aller kriegführenden Männer richtete, eine Anklage, die mit den Worten begann: „Ihr habt uns ganz schön allein gelassen; und als wir allein blieben, da fing die Hölle an ...“

Dem Film liegt „Draußen vor der Tür“, jenes fragmentarische Stück des oft genialischen Wolfgang Borchert zugrunde. Das Stück war der Aufschrei eines Gequälten, ein hoffnungsloser Schrei. Aber Wolfgang Liebeneiner und sein Mitautor Kurt Joachim Fischer haben in „Liebe 47“ den künstlerischen Versuch unternommen, den Borchertschen Pessimismus zu lösen und einen Zug von Lebensbejahung hineinzutragen. Sie haben die forschende Hintergründigkeit des Stückes „vertieft und haben zugleich durch die Einführung einer weiblichen Figur als gleichstarken Partner zudem Heimkehrer Beckmann einen Weg gezeigt, wie verlorene Menschen sich am Rande des Unterganges durch gegenseitiges Helfenwollen noch Rettung und Halt sein können. Das klingt vielleicht banal, aber es hat menschliche Größe.

In dieser Flüchtlingsfrau Anne, die von Hilde Krahl großartig dargestellt wird, ist – wohl zum ersten Male so klar ausgeleuchtet – das Wesen und die Lage der modernen Frau umrissen, die sich selbständig gemacht hat und doch immer einem beschützten Dasein nachtrauern wird, die „im Leben“ steht und deren Seele friert. „Ich bin erzogen, kühl zu denken, und wie die meisten Menschen unserer Zeit macht mich der Ausdruck von Gefühlen verlegen“, schreibt die Amerikanerin Thomson in dem vorher zitierten Euch. Und, weiß Gott, die Ereignisse der letzten Jahre haben die Frauen mehr denn zuvor gezwungen, kühl zu denken, und für Gefühl war kein Platz. Kraß und überdeutlich forciert wird an dieser Anne demonstriert, wie die Seelen erstickt wurden in Blut und Tod, in Gehetztsein und Überanstrengung, in Liebesprovisorien aus Mangel an echter Liebe, in Episoden ohne Moral... aus Selbsterhaltungstrieb. „Wer es nicht erlebt hat, der wird es nie begreifen, und wer es erlebt hat, der weiß Bescheid“, sagt Anne.

Die künstlerische Verdichtung dieser Erlebnisse ist in diesem Film mit so viel Herz und liebe zum Menschen geschehen, daß sie unmittelbar im Publikum zündet Und echte Erschütterung erreicht. Zwar hörten wir auch – denn der Film wird eifrig diskutiert –, wie junge Leute (es waren Studenten) sich ereiferten: „Dieser Dialog zweier zum Selbstmord Entschlossenen auf dem Sofa (zwischen Beckmann und Anne) ist peinlich; immer wieder dieses Selbstmitleid.“ Jedoch, wer wollte es nicht begreifen, daß diese Jugend sich nach ihren frühen Erfahrungen vor Ergriffenheit und Mitleid scheut, und sie ist schon so bange gemacht durch das Schlagwort „Selbstmitleid“, daß sie jeden Blick zurück als eine unnütze Betrachtung alter Wunden, in denen man „recht wühlen“ solle, begreift und nicht als Anstrengungen zur Selbsterkenntnis und als Warnung, die wir nötig haben. Denn wir wissen es ja: wir Menschen sind leicht vergeßlich.

Der Film ist nicht vollkommen, aber er hat Größe. Er gehört zu jenen wenigen, die unmittelbar, ehrlich und groß im künstlerischen Ausdruck sind und ein Thema behandeln, das alle angeht. Das ist genau das, was kürzlich an dieser Stelle als Grundbedingung der höchstmöglichen Leistung im Film definiert wurde. Und obendrein – es ist ein Film, der besonders zu den Frauen spricht, denn er ist eine Fanfare gegen Krieg und Unmenschlichkeit. Erika Müller