Zur Wiedereröffnung des Bayerischen Nationalmuseums

Das Bayerische Nationalmuseum wurde mit einer Ansprache des bayerischen Kultusministers der Öffentlichkeit wieder übergeben. Es ist das erste der Münchner Museen, das seine Sammlungen wieder im eigenen Bau zeigen kann – wenn auch eingeschränkt, da bestenfalls ein Fünftel des früheren räumlichen Umfangs bisher. wiederhergestellt werden konnte. Immerhin – Bayerns Haupstadt hat ihre Ruhmeshalle des eigenen regionalen Kulturraumes wieder, dies alte Museum der Wittelsbacher, dem ein stammesstolzer König, Max II., schon 1855 die Bezeichnung ‚Nationalmuseum‘ gab. Aber der Krieg und der Geist der Moderne haben das alte Bild sehr verändert. Nolens, volens – eine rechte ‚Ruhmeshalle‘ konnte es nicht mehr werden. Waffen und Wappen, Fahnen und Requisiten fürstlichen Ruhmes, dieser ganze staubige, herrliche geschichtliche Plunder ist verschwunden, und im kühlen, lockeren Ensemble einer durchaus modernen Museumsaufstellung stehen die einzelnen Dinge im Rang und in der Glorie ihres eigenen künstlerischen Wertes. Dieser Verlust der warmen geschichtlichen Umwelt wird nur den beunruhigen, dem die national-geschichtliche Existenz eines Stammes betont am Herzen liegt, nicht aber den, der weiß, daß diese Spielformen der menschlichen Geschichte nur wenig noch an echter Substanz enthalten.

Die Neuaufstellung legt das ganze Schwergewicht auf das 14. bis 16. Jahrhundert, auf die Gotik und die beginnende Renaissance. Es fehlt – aus räumlichen Gründen natürlich – das Barock, der eigentliche Stil dieser Landschaft. Denn das Barocke, Diesseitige, Kraftvolle, Derbe, auch im besten Sinne Gesund-Provinzielle liegt schon implizite in der Kunst der bayerischen Frühzeit: in den fraulichen Madonnen, den gutmütigen Heiligen, den mächtigen Christophori – eine Landschaft der Plastik, daher, großformiger Skulptur, in der die zu sensibel und abstrakt empfindende Malerei nie so recht gedeihen will. Wunderbar zu sehen, in der Pietà (um 1420) und der schönen thronenden Muttergottes (um 1430) aus Kloster Seeon die gesunde Diesseitigkeit sich in den kurzen, festen Händen, den fälligen Gesichtern, dem plastisch derben Faltenwurf durchsetzt, selbst in dieser reichen, schmiegsamen, linearen Eurhythmie der körperlichen Gestik und des Faltenwerks, die nun einmal das Stilgefühl der internationalen Gotik verlangte. – Einmal dann, viel später, treibt diese barocke Kraft zu einem ungeheuren, ungebärdigen, fast irren Pathos in der spätesten Spätgotik dieses Landstrichs – im Werk Hans Leinbergers. Erschreckend, dies Gewirbel eines abstrakten Geschlinges von qualligen, teigigen Formen, bei deren Anblick man sich an das Dostojewskij-Wort: „Ist das noch ein Mensch oder nur aufgewirbelter Sand?“ erinnert. Es ist ein Mensch! Ein kraftvoller sogar, zu kraftvoll, weil seine ganze haltlose Unruhe, seine gegenstandslosen Leidenschaft ten und die Angst, die aus ihnen kommt, seine starke, gewaltsame Menschlichkeit so durchrütteln, – daß er die Würde, die Grenze, die Form verliert. Aber welch wunderbare und moderne Einsichten in die psychische Bedeutung der bildnerischen Mittel! Das moderne Porträt könnte so aussehen wie das in das psychographische Lineament des Mantelkonturs eingebettete Gesicht der Leinbergerschen Schmerzensmutter aus Dingolfing.

Ganz verloren, streng und feierlich stehen in dieser Umwelt einige wenige ferne, fremde Dinge: byzantinische Elfenbeine, italienische Stoffe, eine Madonna aus Burgund, frühe französische Kleinbronzen und französische Elfenbeine des 14. Jahrhunderts. Wie Mahnungen, wie Hinweise, damit in Vergleich das Wesen dieser bayerischen Kunst deutlich erkennbar wird: In die Betrachtung eines französischen Elfenbeins versunken, entstanden in meinem Geiste die französischen Madonnen an den Kathedralen, diese hohen Frauen in der wunderbaren Mathematik der Form, mit den schmalen Gesichtern und den langen Händen. Ah, des longues mains, ces longues mains douces! Da sah ich es wohl, dieses Gute und Gesunde und Warme und Einfache, ein wenig Derbe der bayerischen Himmelsfrauen. Wie wunderbar, daß es das alles gibt – Frankreich und auch Bayern!

Werner Haftmann