Von Ludwig Hartenfels

Der Hamburger Kultur Senator, Ludwig Hartenfels, hatte Gelegenheit, in Paris mit Studierenden der Saarbrückener „Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk“ zusammenzutreffen, die an der Seine ihre erste Ausstellung ausgesuchter Schüler arbeiten veranstalteten.

Der ausgezeichnete Maler Hermann Gowa, den Hitlers Schergen einst durch halb Europa letzten und der seine Angehörigen in den Vernichtungslagern verlor, wirkt heute als Leiter der „Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk“ in Saarbrücken –: er hatte mich anläßlich einer Ausstellung seiner Schüler ins Saargebiet eingeladen. Aber Paris liegt offenbar für Deutsche näher als Saarbrücken. Nicht an der Saar, sondern an der Sein? gelang es mir, die Schau zu sehen. Der äußere Rahmen der Ausstellung war unerwartet repräsentativ; da die Minister des Auswärtigen und für Erziehung zusammen mit dem Hohen Kommissar im Saargebiet den Regierungschef der Saar und seinen Erziehungsminister empfingen, fanden wir bei unserer Ankunft im Pavillon de Marsan im Palais du Louvre die aufmarschierte Garde Republicaine vor, die von der Straße über die breiten Treppen bis in den Empfangssalon in ihren prächtigen Uniformen Aufstellung genommen hatten. Es wurden (natürlich in französischer Sprache) Begrüßungsreden gehalten, bei denen Minister Schuman von den beiden Nachbarvölkern in Frankreich und im Saar-, gebiet sprach. Er betonte, daß die franzöische Regierung nicht die Absicht des Nivellierens habe und auch nicht zwei Kulturen vermischen wolle, sondern bestrebt sei, das Originale zu fördern, um auf diese Weise freundschaftliche Beziehungen herzustellen. Dann begann der Rundgang durch die Ausstellung.

Es handelte sich ausschließlich um Arbeiten der Studierenden. Und ich habe lange Gespräche mit den Lehrern und Schülern gehabt, die glücklich darüber waren, ihre Arbeiten in der Weltstadt der Kunst zeigen zu können. Sie legten aber alle ebensoviel, Wert darauf, daß die künstlerischen Beziehungen zu Deutschland wieder aufgenommen würden. Diese Schüler und Lehrer haben keine Schwierigkeiten, vom Saargebiet nach Frankreich und nach Paris zu reisen, doch ist es eine sehr schwierige Sache für sie, ihre Angehörigen; in Trier, in Mannheim und in Ludwigshafen zu besuchen.

Man hat sie in Paris als Angehörige des „Saarvolkes“ angesprochen. Aber es sind deutsche Schicksale, die sie erlebten. Da war die hochbegabte 20jährige Gehrmann, die Heim und Eltern im Osten Deutschlands verlor und mit einem Schauwagen über die Landstraßen zog, mit geschorenem Kopf und in Männerkleidung. Sie gab mit anderen jugendlichen Flüchtlingen kleine Vorstellungen in Dörfern, bis sie in der Südwestecke Deutschlands ankam, mit dem Willen, an der neuen Kunstschule zu studieren, von der man ihr Gutes erzählt hatte. Dort arbeitet sie nun, gelobt von ihren Lehrern und bewundert von ihren Kameraden und ist doch einsam in lebendigem Schulbetrieb. Zwei andere, Renold und Wentzel, fielen durch ihre Begabung auf. Auch sie hatten unter unglaublichen Schwierigkeiten ihr Studium angefangen. – Mit solchen Malern drei Tage in Paris zuzubringen, erhöhte den Reiz dieser Stadt, die noch. heller als gewöhnlich schien, weil die Kastanien Millionen Kerzen entzündet hatten, weil die Tulpen und die Nazissen im Tuilerien-Garten ihr einen Frühlingsglanz verschafften, den keine Stadt auf der Welt ihr eigen nennen kann.

Die Menschen – man sieht es ihnen an – sind durch den Krieg verarmt und die eleganten Pariserinnen sind selten à la mode gekleidet. Erblickt man einmal den „New Look“, so sind es häufig Schweizerinnen, Amerikanerinnen oder Besucherinnen aus anderen „Harten Valuta“-Ländern, die ihn tragen. Daß man arm geworden ist, bemerkt man in den Läden. Sie sind leer, nur in der Galerie Lafayette und im Printemps drängen sich die Pariserinnen um die vollbepackten Tische mit Resten und „herabgesetzten“ Waren. Auch die großen Restaurants sind nicht gerade überfüllt. Wer in den Luxusrestaurants speist, dem gehört auch gleich ein Wagen, der vor der Tür parkt und ein Schild wie USA, S oder CH trägt. Aber fröhlich sind die Pariser nach wie vor. Auf den Märkten buntes Gedränge. Dazu patroullieren sehr langsam, in Gruppen zu dreien, Pariser Polizisten. Sie sind nicht älter als ihre Kollegen in den deutschen Großstädten.

In der Opera wurden „Tristan und Isolde“ und „Walküre“ in deutscher Sprache gegeben, Hauptrollen Kirsten Flagstad und Lorenz. Es ist ein unwirkliches Gefühl, diesen Steinpalast zu sehen, der erhalten blieb in einer erhaltenen Riesenstadt, während doch fast alle deutschen Opernhäuser in Trümmer gingen. Aber diese Grande Opera, die die Mächtigkeit einer Burg mit der Prachtentfaltung orientalischer Pharaonenpaläste verbindet, kann schwer in Beziehung gebracht werden zu dem Volk von Paris und zu dem modernen Menschen, wie er sich draußen an der Place de l’Opéra und am Boulevard Haussmann in großen Massen bewegt.