Von Ernst Samhaber

Unser einstmaliger Chefredakteur Dr. Ernst Samhaber hat sich auf eine Reise nach Südamerika begeben und wird uns von dort laufend Veröffentlichungen mit einem Artikel, den er uns vor seinem Abflug aus Genf übersandt hat.

Vor mir liegt Südamerika, der unerschlossene Erdteil, dem die Zukunft noch einen großen Aufstieg bescheren wird. Es sind fast fünf Jahre her, daß ich ihn verließ, und unwillkürlich wandem die Gedanken zurück – zu den Schrecken des Krieges, dem Elend der Nachkriegszeit und dem Wunder des Aufstiegs im letzten Jahr.

Es geht wieder aufwärts. Allerdings ohne die Hilfe des Auslands wäre diese wirtschaftliche Erholung nicht möglich gewesen, können auch die Folgen des unsinnigen Krieges nie überwunden werden; Zu schwer ist die deutsche Wirtschaft angeschlagen, zu eng die Scholle geworden, auf der wir uns zusammendrängen müssen. Doch denken wir bei dieser Hilfe weniger ab die Summen, die heute über die Europahilfe und die Seuchenfonds nach Deutschland ohne Gegenleistung hereinfließen. Das Ausland entrüstet sich häufig über die Undankbarkeit der Deutschen, die jährlich Milliardenbeträge entgegennehmen und sich füttern lassen, ohne dies gebührend anzuerkennen. Es ist schwer, dem Ausland die deutsche Haltung klarzumachen.

Wir stehen hinter Gitterstäben, die um uns herum errichtet wurden, und wenn wir unsere Arme ausstrecken, so gewiß nicht in räuberischer Absicht, um fremdes Hab und Gut an uns zu raffen, aber auch nicht mit bettelnder Gebärde, um in unserem Gefängnis Almosen zu erflehen. Wir wollen arbeiten und Waren tauschen. Wir haben auch heute noch genügend Kraft in uns, ein Leben aufzubauen, dessen Lebenshaltung nicht künstlich begrenzt zu werden braucht, wie das in Potsdam geschah. Gewiß, wir brauchen Einfuhren, sehr große Einfuhren, aber wir können nicht nur gute Worte, sondern Arbeit und Leistungen dafür anbieten, die auch dem Ausland wertvoll sein müssen. Durch den Krieg und die nachfolgende Absperrung ist viel zerschlagen worden. Es fehlen die Hochöfen, die durch Demontage zu Schrott wurden, während durch die ganze Welt der Schrei nach Stahl geht und britische Werften ihre Aufträge aus Mangel an Stahl nicht ausführen können. Es bleibt aber die Hoffnung, daß wir in drei Jahren in der Lage sein werden, unsere Einfuhren durch entsprechende Ausfuhr voll zu bezahlen – wenn das Ausland mit uns zusammenarbeitet!

Kein Gebiet ist derart dazu in der Lage und keines derart darauf angewiesen wie Südamerika. Auf seinen weiten Feldern reift, was wir dringend nötig haben, Getreide, Mais, Leinsaat, Südfrüchte. Der Boden birgt Schätze, deren unsere Industrie nicht entraten kann, Kupfer, Zinn oder Eisenerze, und gleichzeitig könnten wir auch von dort beziehen, was die Arbeitslust anzuregen vermag und die Schaffensfreude erhöht, Kaffee und Tee, Tabak und Kakao. Was aber geschieht?

Die Vorräte häufen sich, stapeln sich auf von Jahr zu Jahr, und wieder reift eine neue Ernte heran, ohne daß genügend Absatz, möglich wäre. Dabei brauchen diese Länder deutsche Ware, gerade deutsche Industrieware, nicht Rohstoffe wie Kohle und Holz und Schrott, die das Kernstück der deutschen Ausfuhren im Handelsvertrag mit dem Pfund-Sterling-Gebiet sein sollen. Wir würden auch niemandem den südamerikanischen Markt fortnehmen, wie das eine irregeleitete ausländische Presse gern im Dienste der Interessenten darzustellen versucht. Im Gegenteil, wir würden, uns bemühen, den südamerikanischen Markt erst aufzubauen, indem wir die überschüssigen Lebensmittel und Rohstoffe aufnehmen, wozu die anderen Länder sich nicht entschließen konnten. Heute überdecken die Politiker den Widersinn ihrer Wirtschaftspolitik, die nur Märkte sichern, nicht Märkte aufbauen möchte, die von Sparsamkeit bei sich und grenzenloser Aufnahmebereitschaft bei den anderen spricht, mit Worten wie Dollarmangel oder Währungskrise. Wir wollen den Austausch, nicht den Markt an sich. Wir wollen nicht mehr absetzen, als wir abnehmen. Nicht ein Mensch mehr soll im Auslande feiern, weil wir liefern, sondern derjenige, der-durch deutsche Lieferungen brotlos werden sollte, der fände durch Lieferungen nach Deutschland zu günstigeren Bedingungen ein erhöhtes Einkommen. Mit Hilfe unserer Maschinen könnte Südamerika nicht nur seine Produktion verbessern und verbilligen, sondern sich die Industrie aufbauen, deren es dringend bedarf. Kann dieser Gedanke jemanden kränken oder schädigen?