Filmhistorische Randbemerkung

Von Ulrich Seelmann-Eggebert

Kaum hatte Sacha Guitry, der als „Collaborateur“ galt, nach dem Kriege sein Théâtre à la Madeleine wieder eröffnet, als er von unbekannten Personen auf einem Lastwagen nach Lyon entführt wurde: dort müßte er an einer Stelle niederknien, auf der ein Denkmal zu Ehren der Resistance-Kämpfer errichtet werden soll, und wurde in dieser Haltung photographiert. Eine (typisch französisch!) halb ironische, halb pathetische Geste, nach der man ihn unbehelligt laufen ließ. Guitry fuhr zurück nach Paris, ließ dort seine anderen Filmpläne liegen und drehte sozusagen als Antwort seinen Film „Le comedien“.

„Lucien Guitry, raconté par son fils“ das Leben Lucien Guitrys, erzählt von seinem Sohn, heißt er im Untertitel. Ein Stück Kulturgeschichte, auseinandergesetzt an der Geschichte des französischen Theaters und Lucien Guitrys, des „bedeutendsten Schauspielers seiner Zeit“ (wie mehrmals – vielleicht zu aufdringlich – betont wird). Ein wenig flüchtig, ein wenig übereilt heruntergedreht, die Kamera seltsam starr, wie in den Rahmen der Guckkastenbühne gespannt, aber was ist da nicht alles in den engen Rahmen dieses Theaterfilmes gelegt! Welche Fülle an Geist und Witz, an Können, an bester französischer Bühnentradition. Guitry als „Misanthropa“, Guitry als „Louis Pasteur“, Guitry in dieser Glanzrolle und in jenem Kostüm, Guitry der Wandlungsfähige, Guitry der Komödiant. Er spielt seinen Vater und sich zugleich – und identifiziert dabei sich mit der Person seines Vaters und das Renommee seines Vaters mit seiner eigenen Person. Seht, was für Kerle sind doch die Guitrys und was alles verdankt das französische Theater, die französische Kultur, ja Frankreich selbst diesen Guitrys! – so steht es unausgesprochen unter jedem der Bilder und hinter jedem der Sätze. Alles, selbst seine Ehe opferte Lucien seiner Kunst auf; wer kann es da dem Sohn verübeln, seine patriotische Ehre geopfert zu haben, weil er auch unter der Zeit der deutschen Besetzung in Paris Theater spielen wollte? Gutes Theater, echt französisches Theater, aus der Spieltradition Molières und der Comédie Française erwachsen.

Auch in diesem Film wieder arbeitet Guitry mit seiner bekannten Technik des Stummfilm-Effekts, der unterlegten Erklärerstimme. Vom Geburtshaus Luciens bis zu seiner Sterbestunde, wenn ihn auf der Generalprobe zu Sachas erstem großen Autorenerfolg „L’amour masqué“ ein Schlaganfall trifft. Aus dem Rahmen der alten Familienbilder heraus tritt der Schatten Luciens, vom Erinnerungsvermögen seines Sohnes beschworen und beseelt, der wie ein orientalischer Märchenerzähler in glühenden, buntschillernden Farben zu erzählen beginnt. Man kehnt das bereits aus dem „Roman d’un tricheur“ (1936), aus den „Perles de la couronne“ (1937): im Grunde ein vorgelesener Roman oder eine Biographie mit darüberkopierten Illustrationen am laufenden Filmband. Ein Filmliteratentum, das charmante Bonmots mit Tinte und in Bromsilber schreibt.

Von „Remontons les Champs-Elysees“ (1938) bis zu seinem Tayllerand-Film „Le diable botteux“ (1948) steigt er die Hintertreppe der Geschichte herauf und hinab, purzelt mitunter über ihre starre Stufenfolge und vermag sich doch immer wieder an den Arabesken, am verschnörkelten Treppengeländer gleichsam, zu halten. Tayllerand, der Politiker par excellence, der jedem Regime ergeben diente und jedes System ebenso devot wieder verriet, dem es nur um das diplomatische Spiel an sich ging, ohne Moralgesetze und ohne politisches Ethos – das war das Thema seines bisher letzten Filmes gewesen. Vielleicht ein freundliches Gleichnis für Sacha Guitry selbst, den amoralischen Komödianten, der spielt um des Spieles willen. Der nicht nach Ursachen, Konjunkturen und Beweggründen fragt, sondern nur nach der Wirkung. Der als ein amüsanter Causeur aus einer vergangenen, sorgloseren Zeit, als legitimer Erbe Lucien Guitrys, Henry Bernsteins und Tristan Bernards, auch heute, im Zeitalter der mechanischen Kinotechnik, ein Stück der französischen Theatertraditionen, ja, tatsächlich auch ein Stück besten Komödiantentums verkörpert.