Von Hanns Braun

Unlängst ging in München ein internationales Studententreffen zu Ende, bei dem sich Teilnehmer aus Frankreich, Belgien, Italien, der Schweiz, Schweden, Dänemark und England mit ihren deutschen Kommilitonen zu Unterhaltung, Spiel und Tanz, aber auch zu ernsthaften Diskussionen zusammengefunden hatten. Der Ort, einander besser kennenzulernen, war der Strand, beziehungsweise das dazugehörige Hotel, in Seehaupt am Südende des Starnberger Sees. Es wurde dort über Toleranz gesprochen, zum Beispiel, aber auch moderne deutsche Musik wurde vorgeführt, und zwar durch Werner Egk – was die Teilnehmer allerdings den auf den Tag zuvor festgesetzten Besuch des bayrischen Kultusministers, Dr. Aloys Hundhammer, kostete, welcher das demokratische Bedürfnis, an verschiedenen Tagen verschiedene Leute zu ganz verschiedenen Themen zu hören, offenbar im Fall des Satansmesners Egk als persönlichen Affront nahm und absagte.

An einem mittelmeerisch blauen Tag, wie sie hierzulande mitunter einfallen, während die nahe Schneekette der Alpen in Weiß und Gold irdisch-überirdisch zu schweben scheint, haben auch wir der Diskussion eines Nachmittags beigewohnt. Sie sollte die Frage der Heldenverehrung klären, und W. E. Süskind hatte sich zur Verfügung gestellt, das Gespräch zu leiten. Heldenverehrung? Nun, der erste Eindruck, ein Vorspiel des Zufalls, schien recht eindrucksvoll, aber auch verwirrend. Denn während man zum Strand hinunterschlenderte, wo im Freien vor einem Pavillon die Wechselgespräche stattfinden sollten, ertönte plötzlich Jungmännergesang, und an dem überrascht Aufblickenden zogen in gleichem Schritt und Tritt drei Jünglinge vorbei, die aus voller Kehle: It’s a long way to Tipperay sangen – worauf man sie natürlich, wenn auch etwas betroffen, für Briten hielt, um hernach zu erfahren, daß es in Frankreich studierende Italiener gewesen. Nun, wer wüßte nicht, daß diese eine sangesfrohe Nation sind und ihre Männer die schönsten Stimmen haben Argloser Lustgesang! – wie sehr beschämtest du nachträglich die deutsche Seele, die (nicht erst seit gestern) sich belauert fühlt und Verdacht mit Verdacht erwidert, da man ihr – das ist schon so – eine ähnliche Arglosigkeit doch wohl als unverbesserlichen Militarismus ausgelegt hätte. Andere, glücklichere Nationen (es sollte sich zeigen) können sogar deutsche Soldatenlieder singen, die sie Gott weiß wo gehört haben, ohne Schaden zu nehmen an Geltung und Liebe.

Aber wir Deutschen sind ja wohl auch eine kuriose Rasse – die Diskussion erwies es sogleich. Nicht nur damit, daß wir uns nach gutem Grüblerbrauch sofort in die Frage verbissen, was unter „Held“ denn nun eigentlich zu verstehen sei, sondern auch in der Art, wie wir den andern zu entgegnen und standzuhalten suchten. Wer ist wahrhaftig ein Held? Während wir abzugrenzen uns bemühten, was offenbar in die Zweifelzone geraten war, durch hämmernde Erlebnisse, ja durch globales Infragestellen unserer ganzen Art, war den anwesenden Romanen dies völlig klar und gewiß, und mit da – Perfektion, die das Französische einem Gedanken zubringt, kamen von dort die vortrefflichsten Definitionen: wonach einen Helden also nicht das Erlebnis und Bestehen des Kampfes an sich ausmache, sondern daß er „für die Freiheiten“ gekämpft habe und durch den Tod glorifiziert worden sei, Wohlgemerkt: „Freiheiten“ wurde gesagt; es waren drei oder fünf, man konnte sie aufzählen, und es war nicht von Freiheit die Rede, unter welch wolkig-idealistischem Begriff jeder verstehen könnte, was ihn gutdünkt.

Ach, wie standen wir da, allem auf Grund solcher Definition! Sie war nicht aggressiv gemeint. Aber für welche Freiheiten hatten unsere Heldenanwärter, unsere bloßen Erlebnishelden gekämpft, wenn es sich logisch vor der ganzen Welt hat nachweisen lassen, daß sie im Dienste – auch noch die Besten! –, im Dienste der Unfreiheit gestorben waren. Nun, wir wurden rundheraus gefragt: wen wir der Helden Verehrung würdig erachteten? Gequälte junge Stirnen, denen man ansah, daß Namen und Bilder dahinter vorbeizogen, geprüft und wieder verworfen wurden. Zum. Geier! Hatten wir nicht auch Männer, die gegen die Unfreiheit in unsäglich schweren unterirdischen Kämpfen ihr Leben eingesetzt und verloren hatten? Warum wollte trotzdem keinem spontan einer dieser Namen von den Lippen? Ist unsere ganze Geschichte besudelt durch die trüben Tarnnetze, die bluttriefenden, der Verfälschung oder Verfemung, welche erst die Tyrannei und dann die Autoritäten der Siegerseite darübergeworfen haben? Oder ist es wirklich so – und hätten die andern damit recht, die uns für die geborenen Sklaven der äußeren Ordnung, für unverbesserlich subaltern halten, daß bei uns keiner ein Nationalheld werden könnte, der gegen den sei es der verworfenste, gekämpft hat? Ist das „bloße“ Opfer nichts, legitimiert hierzulande einzig der äußere Erfolg? – so daß also auch der Graf York nichts bedeutete, wenn es mit Tauroggen schief gegangen wäre?

Schauerliche Fragen! Und jedenfalls: es wurde in unserer Diskussion den andern kein deutscher Verehrungswürdiger genannt. Es war fast wie im Fragebogen: in der Rubrik „deutscher Held dieser Zeit“ wurde „nicht betreffend“ eingetragen. Ein Vakuum also, und was das bedeutet in einem Zeitalter der Masse, die ihre Idole sehr wohl bei der Hand hat, Radfahrer, Torwächter, Boxer und pathologische Demagogen, darauf wurde wenigstens am Rande verwiesen. Arme Demokratie, nicht wahr, ohne Glanz und menschliche Einbilder, im Sande der Niederlage mankind.

Aber die nichts anzubieten hatten, fragten zurück. Und da nannten die Franzosen nun nicht etwa de Gaulle (aus welchen Gründen auch immer), sondern einen Mann, der den Täter mit dem Denker aufs wunderbarste vereinigt hatte und für die Befreiung seines Landes gefallen war: den Flieger Saint-Exupéry. Nicht schlecht! Eswar wirklich so, daß die Deutschen, die seine Bücher kennen, ihn am liebsten auch für sich annektiert, zu „ihrem“ Helden gemacht hätten (wie es Süskind hernach ausdrückte). Aber natürlich sagten sie das nicht, sondern schwiegen in anständigem Neide.