Zur Internationalen Kulturfilmlagung in Hamburg

Fachleute untereinander können sich leicht verständigen, und so haben die Gespräche und Diskussionen der Filmexperten vieler Nationen auf der Internationalen Kulturfilmtagung in Hamburg, über deren Beginn wir bereits berichteten, zu weiterer fruchtbarer Zusammenarbeit angeregt.

Kulturfilm oder Dokumentarfilm? Das war zunächst die Frage. In England, Dänemark, Belgien und Vielen anderen Ländern wurde in den letzten Jahren besonders der Dokumentarfilm entwickelt und vom Staat unterstützt – der Dokumentarfilm, der die Probleme der Zeit zur Diskussion stellt und dem als Spiegelbild des Lebens mit aufklärendem, belehrendem und bildendem Inhalt besonderer Wert beigemessen wird. Nicht nur als eben noch geduldetes Beiprogramm zum Spielfilm, sondern in Sondervorführungen und als Unterrichtsmittel gewinnt er mehr und mehr Bedeutung. Während also der Dokumentarfilm überall in der Welt heute ein Begriff ist, wurde geltend gemacht, daß schon der draußen unverständliche deutsche Ausdruck „Kulturfilm“ sich hemmend auf einen internationalen Austausch auswirke. Besonders von englischer Seite wurde dem deutschen Kulturfilm der Vorwurf gemacht, daß er, nicht realistisch genug, das Leben durch eine rosenrote Brille sähe, etwa in einem Landschaftsfilm mit künstlerischen Bildern die Schönheit der Natur (möglichst im Frühling) und architektonische Leckerbissen, nicht aber die Arbeit der Bevölkerung und die sozialen Probleme zeige. Das alles zusammen aber ergäbe erst das Leben, „wie es wirklich ist“. Nun ist bekanntlich gerade heute die Lust, „in Schönheit zu schwelgen“, beim Publikum stärker, als die, Lust, ständig auf der Schulbank zu sitzen. Aber den verantwortungsbewußten Filmmännern liegt Selbstverständlich der Dokumentarfilm sehr am Herzen. Sie sagen, nur wegen des Geldmangels sei die Produktion in Deutschland noch nicht recht Frieder in Gang gekommen. Es gibt aber schon „Kulturfilme“, die eigentlich den Namen „Dokumentarfilm“ tragen müßten (wenn dieser Titel schon ehrenvoller ist), während man in der bunten Kette der auf dieser Tagung vorgeführten Dokumentarfilme auch ausländische Streifen sah, die dieser Bezeichnung kaum entsprachen, ganz abgesehen von den sowjetischen „Dokumenten“, die durch den deutsch synchronisierten Supermonster-Propagandaton des Sprechers ihre Wirkung verfehlten. Und sollte jener italienische Versuch ein ,,Dokumentarfilm“ sein, der Musik in Bildern deuten wollte und Beethovens Dämonie durch einen zerkrachenden Barockspiegel „charakterisierte“ oder. Wagners phantasievoll wuchernde Schöpferkraft durch Herden von Wildpferden symbolisierte, die kreuz und quer über die Leinwand rasten?

Doch war diese Schau für die, die sie sahen, eine bedeutende Weltreise: vom bequemen Parkettsessel aus, die vom Nordmeer zum Südpol, durch Europa und Afrika, Indien, Indonesien, durch Nord- und Südamerika führte, mit Besuchen in Laboratorien (ausgezeichnet der preisgekrönte Schweizer Film „Wirkstoffe des Lebens“ über die Erforschung der Vitamine), in Bergwerken und Ölfeldern. Man konnte architektonische Meisterwerke und solche der bildenden Kunst bewundern, von dänischen Dorfkirchen (Regie Karl Th. Dreyer) bis zu Studien aus dem Leben des französischen Bildhauers Auguste Rodin und einen weiteren französischen Film „Vincent van Gogh“. Die durch eine echte Reise kaum zu realisierende vergleichende Betrachtung gab die Möglichkeit, in einem herzlich-humorvollen Streifen von Stockholm, Bildern vom temperamentvollen, aber notdürftigen Leben im stark zerstörten Neapel und einem Film aus dem reichen, pulsenden, fortschrittlichen Buenos Aires den bei aller Gleichheit des Großstadtlebens sehr verschiedenen Lebensrhythmus zu erkennen. Es ist eine Verschiedenheit, die nicht nur durch Klima und Mentalität bedingt ist, sondern auch durch die Tatsache, daß es sich einmal um ein neutral gebliebenes europäisches Land, ein anderes Mal um eine vom Kriege heimgesuchte, und ein drittes Mal um eine mit materiellen Reichtümern gesegnete südamerikanische Großstadt handelt, deren Großzügigkeit und industrielle Stärke für unsere eng gewordenen europäischen Begriffe verblüffend wirkt. Es wäre besonders empfehlenswert für Politiker, die nicht verreisen können, in den Parlamenten laufende Vorführungen von Dokumentarfilmen zu veranstalten, zur Weitung des Blickes, zur besseren internationalen Verständigung. E. M. „–

Um eine deutsch-englische Filmgemeinschaft einzuleiten, kamen zwei Regisseure der Rank-Organisation, Wells und Young, zu Besprechungen mit deutschen Produktionsfirmen in die britische Zone. Sie drehen als erstes einen englischen Soldatenfilm, der nur in England gezeigt werden soll. In der französischen Zone werden ebenfalls deutsch-französische Gemeinschaftsfilme von deutschen und französischen Produktionsfirmen geplant.