Triest blieb wieder einmal als „unerledigt“ auf der Tagesordnung der UNO; seine Bewohner ohne Gouverneur. Der Sicherheitsrat vertagte sich. Die Triestiner sind darob nicht böse. „Unser Gouverneur müßte ein besonders kluger Mann sein“, spotteten sie schon stets. „Aber wenn er klug ist, kommt er nicht hierher“. Sie fühlen instinktiv, daß das Andauern des Provisoriums vielleicht das Beste ist. Keine befriedigende Lösung, wahrlich nicht, aber sicher weniger unbefriedigend, als jede mögliche endgültige Regelung.

Triest, bereits 1919 in Versailles eine der härtesten Nüsse der Friedenskonferenz, ist ein ebenso tragisches wie typisches Problem der ratlosen Uneinigkeit der Großen Vier. So will es scheinen – und gilt doch nur bedingt. Denn der Westen löffelt hier eine Suppe aus, die er sich zu einem Gutteil selbst eingebrockt hat. Als Bidault im Juli 1947 in Paris den überraschenden Vorschlag eines Freistaates in seiner später festgelegten Form machte, einen Vorschlag, bei dem Molotow übrigens weit weniger erstaunt ausgesehen haben soll als seine westlichen Kollegen, da rettete er das französische Kabinett vor einem Sturz. Die plötzlich aufgeflammten, unheilvollen Streiks der Kommunisten brachen nicht weniger plötzlich ab. Zugleich aber verspielte Bidault mit der dem Westen damals eigenen Leichtfertigkeit einen Trumpf, der heute in London, Washington und Paris ägerlich vermißt wird. Seit jenen Tagen ist im Spiel um Triest der Kreml am Zuge. Auch nach dem Krach mit Tito, auch heute noch.

In der vergangenen Woche lehnte der Sicherheitsrat durch 9 Stimmenenthaltungen gegen die Stimmen der Sowjetunion und Ukraine den Schweizer Oberst Flückiger als Gouverneur ab; das heißt einen Mann, der einst von England vorgeschlagen worden war. Der Kreml hat damit erneut drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: erstens bewies er wiederum seine „Verständigungsbereitschaft im Gegensatz zu den Westmächten“, zweitens nahm er den Westmächten und ihrem Vorschlag vom vergangenen Jahr, Triest an Italien zurückzugeben, viel Wind aus den Segeln, und drittens tat er dies alles, ohne einen einzigen Zentimeter seiner Position aufzugeben.

Und doch war diese Schlappe für die Westmächte das kleinere Übel. Sie werden fürs erste überhaupt keinem Gouverneur zustimmen können, ohne eine ungleich schwerere Niederlage zu erleiden. Die Zustände in Triest machen das unmöglich; Zustände, die klassische Beispiele des ost-westlichen Stärkeverhältnisses in den Besatzungsgebieten und der kommunistischen Bürgerkriegstaktik sind. Die Zone A von Triest ist demokratisch, Marshall-Land und kann ihre Freiheit vorerst nur durch amerikanische Bajonette schützen lassen. Die Zone B ist volks-demokratisch, in den jugoslawischen Fünf-Jahres-Plan einbezogen, und könnte ihre Unfreiheit auch ohne ausländische Bajonette ausdehnen In der Zone B ist, wie der USA-Delegierte Warren Austin es ausdrückte, „ein kompletter Polizeistaat errichtet worden“, der sich bei dem Antritt eines Gouverneurs und dem damit verbundenen Abzug der Besatzungstruppen durch einen einzigen Handstreich die Zone A einverleiben würde. Darum ist die Haltung der Westmächte im Sicherheitsrat ein Positivum: was heute in Triest geschieht, kann morgen in Österreich, Berlin oder ganz Deutschland geschehen. Und eine konsequente Politik der Westmächte wird verhindern können, daß diese Parallelen Europa beunruhigen. C, J.