Siebenundachtzig Jahre alt, ist – wie schon gemeldet – der französisch schreibende Flame Maurice Maeterlinck auf seinem Landsitz bei Nizza am 6. Mai 1949 gestorben.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich heute vorstellen, was in dem Friedensjahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg das Erscheinen eines neuen Buches bedeutet, ja der bloße Name von Dichtern über viele Menschen, vorab die damals jungen, vermocht hat. Wenn jetzt der des Belgien Maurice Maeterlinck noch einmal aufklingt (der aus Zeitungsrubriken schon so lang entschwunden war, daß gewiß mancher, der ihn längst abgeschieden wähnte, jetzt verwundert aufhorcht), dann weht, vielleicht zum letztenmal, etwas von jenem Zauber her, der einst um Namen wie Hugo von Hofmannsthal, Gabriele d’Annunzio, Rainer Maria Rilke, Stefan George wie eine glänzende und ehrfurchtgebietende Aura stand. Diese Klanggebilde schienen weit mehr als bürgerliche Namen zu sein. In ihnen allen, ob mit Vorbedacht oder durch Geschickes Gunst, prägte sich aus, was dem poetischen Werk ihrer Träger in mancherlei Abstufungen, aber über ganz Europa hin als einigendes Ziel gelten sollte: die Verkündigung der Schönheit.

Zu denen, die der großen Göttin schier hohepriesterlich dienten, gehörte Maurice Maeterlinck mit programmatischer Entschiedenheit: wer an die den Naturalismus ablösende Neuromantik, an fin de siècle an die erlesene morbidezza des Jahrhundertendes denkt, der kann nicht umhin, eines Autors sich zu erinnern, dessen Stücke gehauchte Mädchennamen trugen, wie „Aglavaine et Selysette“, „Pélleas et Melisande“, und der dem Symbol aller Romantik, der blauen Blume, in seinem „L’oiseau bleu“ (Blauer Vogel), einem weihnachtlichen Kinder- und Feenstück, die moderne Entsprechung, zart und gebrechlich, zugedichtet hat. Es ist Musik darin, und eines Musikers gedenkt man füglich am besten, will man sich Maeterlincks Art vergegenwärtigen: wer gewisse irrisierende zauberische Klanggebilde Debussys im Ohr verwahrt, ihr Funkenstreben und jähes Verlöschen, die Macht des Schweigens, die zwischen allen Klängen aufsteht wie in trunkener oder verzagter Erwartung eines Echos, und endlich ihre schmerzvolle Trauer, die aus der Schönheit, dieser Art Schönheit selber zu strömen scheint, der hat ziemlich genau den Eindruck, den Maeterlincks Dichtungen, seine Bühnenstücke vor allem, beim Lesen hervorriefen; und es ist nur das Zeichen tiefer Übereinstimmung, wenn Claude Debussy „Pelleas und Melisande“ vertont hat; das mußte ihn reizen, und keiner hätte es wie er vermocht.

Um die Wirkung dieser überfeinerten zärtlichtraurigen Poesien zu begreifen, möge man sich vor Augen halten, daß sie nicht nur den auf Alltäglich- und Armseligkeit gerichteten Kunststil des Naturalismus ablösten und insofern „neu“ waren, sondern daß sie das ewige Recht der Poesie, der schönen Ferne, des Traums für eine immer mehr in Materialismus und leere Betriebsamkeit versinkende; von allen Wurzeln losgerissene Menschheit ein allerletztes Mal zu restituieren schienen. Wir wissen ja heute, was damals nur geahnt werden konnte: daß die Inbrunst, mit der sich die Menschen zu Beginn und am Ende des neunzehnten Jahrhunderts der Romantik überließen, in Wahrheit ein Abschiednehmen war, keine echte Erneuerung, sondern ein wehes, ja krampfhaftes Ans-Herz-nehmen und Feiern unbegreiflich schöner, unbegreiflich entschwinden der Lebensmächte. Der ersten Romantik schienen sie noch einmal – in deutscher Vergangenheit – zum Greifen nahe; aber auch schon Eichendorffs Waldesrauschen hat etwas Unheimliches und Drohendes. In Maeterlincks Stücken wird ein bereits Verlorenes noch einmal in süßen Phantomen beschworen.

Maeterlinck hat unter seinen Stücken eines, das damals Sensation machte um dessenwillen, daß seine Heldin, „Monna Vanna“, nackt unter ihrem Mantel, laut Beding, ins Zelt des feindlichen Feldhauptmanns kommt, um das belagerte Pisa vor Hungertod und Plünderung zu erretten. Es geschieht in dieser Unterredung nicht das, worauf die Erwartung so reißerisch gespannt wird, und worauf eine noch prüde, noch in verbindlicher Sitte lebende Zeit in jedem Sinne „gereizter“ ansprechen mußte als die unsere vermutlich es täte. Aber selbst in diesem Theaterstück, das Maeterlinck seiner schönen Gattin Georgette Leblanc auf den Leib geschrieben hatte und das nicht als typisch für seine Art gilt, selbst dort läßt sich – in der großen Zwiesprache im Zelt – abnehmen, was jene Zeit von der unseren am radikalsten unterscheidet: das fast schon ungeheuerliche Wichtignehmen des individuellen zärtlichen Liebesgefühls, demzufolge Liebesabenteuer das große Thema der Literatur, ihr einziges fast, haben werden können, und ein Liebender, ein Adorant und Kavalier gewesen zu sein, dem Manne einen Lebensinhalt verbürgte, neben dem jede berufliche Leistung verblaßte. Wenn wir, die wir inzwischen ins andere Extrem eines herzlosen Funktionalismus abgestürzt und ernüchtert sind, jene Betulichkeit, Seelenwollust und Nervensensitivität mit dem wahren Antlitz des Krieges, der wahren Natur der Menschen im Kriege und einem ihm artverwandten Frieden heute vergleichen, dann sehen wir nicht allein, daß das sublime Beispiel nicht mehr verführte, sondern auch: daß in dieser selbstischen Liebe, die sich mit allem Glanz, ja allem Gottesdienst der Schönheit umgab und überhöhte, sich der Absturz und der grausame Fall selber schon ankündete. Allzuvieler Dinge war sie uneingedenk geworden, diese Liebe, für die man im 19. Jahrhundert lebte und starb. Indessen hat Maeterlinck, der ihren nahen Untergang, ihre Läuterung vielleicht, sehnsüchtig vorbildete, seine Zeit auch mit naturforscherlichen und philosophischen Werken erfreut, worunter das „Leben der Bienen“ das berühmteste war. Ja, es wird gesagt, daß sein späteres In-den-Schattentreten der vorwiegenden Beschäftigung mit Philosophie zu danken gewesen sei. Allerdings soll er aus Amerika, wohin ihn, hoch in den Siebzigern, die deutsche Besetzung Südfrankreichs vertrieb, auch eine Reihe unaufgeführter Dramen mit herübergebracht haben, als er 1947 zurückkehrte. Jetzt ist er an dem Orte gestorben, der einen echten Maeterlinck-Märchennamen trägt: zu Orlamonde an der Côte d’Azur. Dort also, wo das üppig-schöne Einst noch unter der Gunst des Himmelsstrichs zärtlich und ein wenig phantomatisch nachklingt. H. B.

Die letzte in Amerika entstandene Schöpfung des Meisters ist ein Werk mit dem Titel „Ce miracle des mères“ – das Wunder der Mütter. Weiter schuf er ein Kriegsdrama: „Justice secrète“ – geheime Justiz; Le Père Setuval“ – Vater Setuval, die Geschichte einer religiösen Verschwörung.

Das Alter ist milde gewesen gegen Maurice Maeterlinck. Unter einer Krone silbergrauer Haare hatte sein Gesicht seine ganze Feinheit bewahrt. Sein Herz und seine Augen waren jung geblieben. Und er blieb der Gelassenheit treu, die ihn einst sagen ließ: „Ich meine, daß das Leben für das Herz immer eine Tragödie ist; aber der Geist ist dem Menschen gegeben, es in eine Komödie zu verwandeln.“

Er selbst hat in allzu großer Bescheidenheit sein Werk beurteilt –: „Mein Leben ist ganz einfach die Geschichte eines Mannes mit Feder und Papier. Jedermann hätte mit Geduld dasselbe vollbringen können, was ich getan habe. Ich habe nur eben das getan, was ich im Leben tun konnte und wenn ich nichts Besseres zustande gebracht habe, so deshalb, weil ich es nicht verdiente.“ W. F.