Der ehemalige Generalstabschef der syrischen Armee und jetzige Ministerpräsident Husni Zaim hat seit seiner Machtübernahme vielen politischen Propheten harte Nüsse zu knacken gegeben. Dies die Entwicklung der Ereignisse auf außenpolitischem Gebiet: Austausch von freundlichen Botschaften mit König Abdallah, Besuch des irakischen Ministerpräsidenten Nur! Said in Damaskus, Planung eines syrisch-irakischen Freundschafts- und Militärpaktes, irakisches Angebot weitgehender Finanzhilfe. Jedermann erwartete, daß Syrien bald in dem haschemitischen Großsyrien aufgehen werde. Kaum aber hatte der irakische Nun Said den Rücken gewandt, als Husni Zaim ins Flugzeug stieg und König Faruk von Ägypten, dem grimmigen Feind Abdallahs, einen dreistündigen Blitzbesuch abstattete. Der weithin hallende Donnerschlag folgte mit einer energischen Presseerklärung General Zaims am 26. April, in der er scharf gegen die ehrgeizigen, Großsyrienpläne des transjordanischen Herrschers Stellung nahm, da doch in Wirklichkeit Transjordanien nur eine Provinz Syriens sei, die über kurz oder lang ins Vaterland heimkehren werde. Einige unfreundliche Worte an die Bagdader Adresse vollendeten den Eklat.

Jedoch – die Nachrichtenmeldungen von’Radio Damaskus mit dem vielversprechenden Pausenzeichen „Auf in den Kampf, Torero“ kündigten keineswegs blutige Auseinandersetzungen, Grenzzwischenfälle und ähnliche Vorspiele: eines modernen Krieges an, sondern hatten von enger Zusammenarbeit Syriens mit der Türkei, Syriens mit dem Libanon und Ägypten, Syriens mit Saudi-Arabien und dem Jemen zu berichten, die alle die neue Regierung nicht nur anerkannten (das taten die Westmächte inzwischen auch), sondern ausgesprochen freundschaftliche Worte für die Bestrebungen Husni Zaims und die Sicherung der Unabhängigkeit Syriens fanden; Und siehe da, zum Geburtstag des jungen Königs Feisal II. von Irak sandte General Zaim ein in wärmsten Worten gehaltenes Glückwunschtelegramm an den Regenten Abdul Ilah und sprach von den Zeiten, als er als Mitkämpfer des Großvaters, Feisal I., in Damaskus einzog. Feisals Ziel aber war nichts anderes als das, was wir heute Großsyrien nennen...

Die „Erklärungen“ der Weltpresse ließen nicht auf sich warten, aber sie befriedigten alle nicht. Von dem unbezwingbaren Drang des Diktators zu kriegerischen Auseinandersetzungen sprachen manche, und auch deutsche Blätter. Nun sollten wir Deutschen mit dem Vorwurf der Diktatur recht vorsichtig umgehen und das ganz besonders in Weltgegenden, in denen das politische Spiel nach anderen Regeln verläuft, als zwischen Bonn und Berlin und wo aus mitteleuropäischer Geschichte geprägte Begriffe ihren festen Sinn verlieren, verschwommen und undeutbar werden.

Ein anderer Erklärungsversuch sieht die syrischen Ereignisse auf dem Hintergrund des Konkurrenzkampfes zwischen amerikanischen und englischen Ölgesellschaften im Nahen Osten. Gewiß, dieser Kampf wird zweifellos mit sehr scharfen Waffen ausgetragen, aber man unterschätzt die im Innern der arabischen Völker liegenden politischen Antriebe, wenn man jedes Ereignis in diesem Raum nur als Folge ausländischer Einmischung sieht.

Vielmehr ist es so, daß durch den jahrzehntelangen Unabhängigkeitskampf das Nationalgefühl der arabischen Völker gewachsen, ja eigentlich erst entstanden ist. Eine innere Reaktion auf den politischen Sumpf der vorhergehenden Regierungen brachte Husni Zaim an die Macht; das Nationalgefühl des syrischen Volkes findet es unerträglich, unter der Herrschaft eines Fürsten wie Abdallah zu stehen, der ob seiner Persönlichkeit – seine eigenen Beduinen nennen ihn den „Schwamm“ – und wegen seiner englischen Bindungen bei allen Nahoststaaten unbeliebt ist. Alle arabischen Völker aber haben das Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht verloren. So bedeutet Husni Zaims Absage an Abdallah keineswegs eine Absage an Großsyrien.

Peter H. Schulze