Von Paul Hühnerfeld

Acht Auflagen der „Leiden des jungen Werther“ erschienen, ohne daß Goethe sich als Verfasser zu erkennen gegeben hätte. Da lagen sie alle in einer großen Glasvitrine in der Bielefelder Goethe-Ausstellung, die für die Monate Mai und Juni diese Stadt zu einem Mittelpunkt des Goethe-Gedenkjahres macht. Sie lagen – von der ersten Publikation von 1774 bis zu der „Werther“-Ausgabe von Göschen in Leipzig 1787, die Goethe als erste mit seinem Namen versah – friedlich zusammen mit der Flut; der Literatur, die sie hervorgerufen hatten: die zahllosen „Wertheriaden“, von den sentimentalen „Fragmenten aus der Geschichte eines liebenden Jünglings“ angefangen bis zur Satire „Und er erschoß sich nicht“. Diese Satire erschien zu spät, denn viele junge Männer hatten als Folge der Lektüre des „Werther“ bereits ihrem Leben ein Ende gemacht. Ihres schlechten Beispieles wegen und damit der Selbstmord nicht zur modischen Torheit wurde, wie heute etwa die „Angst“ oder der „Ekel“ französischer „Existentialisten“, wurde das Buch damals in vielen deutschen Ländern verboten. Aber es wurde auch ebenso bewundert, und die Gräfin Stollberg schrieb in einem Brief an eine Freundin: „Es ist, als sei ich verhext von diesem Buch!“ In der Ausstellung in Bielefeld erlebt man durch die breite Schaustellung der damaligen Werther-Ausgaben, der Pamphlete, Briefe und Zwistigkeiten um die Geschichte des unglücklichen Liebhabers noch einmal die unvorstellbare Wirkung, die damals Dichtung und damit eine Macht des Geistes auf das Leben jedes einzelnen Menschen ausübte. Denn wo gibt es heute noch einen Menschen, der auf Grund eines Romans irgend etwas tut? (Er muß sich ja nicht gleich das Leben nehmen).

Es gibt drei Räume in der Bielefelder Goethe-Ausstellung – zusammengestellt aus der Sammlung Kippenberg, ergänzt aus dem Nachlaß des Oxforder Professors Fiedler –, die einen so suggestiv in die goethische Welt versetzen, daß man für Augenblicke die Zeit, in der man lebt, vergißt; diese unsere Zeit, die neben vielen anderen Nachteilen, die sie uns gebracht hat, den einen nicht wiedergutzumachenden hat, daß die in ihr Lebenden keine Briefe mehr schreiben können. Was wurden dagegen damals für Briefe geschrieben, und wie verinnerlichten sie das Leben! – In den Räumen in Bielefeld hängen Kupferstiche von fast allen Gegenden und Städten, die Goethe besucht hat, und man hat sie mit Wiedergaben von Briefstellen versehen, von ihm selbst oder seinen Freunden, die besser noch als manche unsterbliche Zeile aus dem „Faust“ die Lebensstadien des Dichters spiegeln. Wo zum Beispiel gibt es ein schöneres Zeugnis von der Skepsis, mit der Goethe seinem Leben in Weimar entgegensah – diesem Weimar, das er später lieben würde – als in dem Brief an Auguste Gräfin Stollberg: „Ich erwarte den Herzog. Ich gehe mit ihm nach Weimar. Mein Herz ist übel dran. Es ist Herbstwetter drin, nicht warm, nicht kalt...“ Oder diese Stelle aus einem Brief an Charlotte v. Stein, geschrieben in Goslar 1784: „Wir sind hier glücklich wieder angelangt... Auf Höhen und Tiefen schicke ich dir meine Gedanken und freue mich, die Berge wiederzusehen, die ich schon vor Jahren mit Sehnsucht zu dir im Herzen bestiegen habe.“ (40 Jahre später, 1824, wird ein anderer deutscher Dichter diese Berge besteigen; aber er – Heinrich Heine – wird seine Sehnsucht hinter Ironie und scheinbar leichtem Geplauder verbergen, wenn er später in der „Harzreise“ darüber erzählen wird. – Vielleicht aber liegt es auch daran, weil es kein Brief mehr ist, den er schreibt.)

Noch ein Saal ist es, der im Gedächtnis haften bleibt: es ist der Raum mit den Bildern und Büsten der Zeitgenossen Goethes; mit dem innig zarten, aber nirgendwo schwächlichen oder unmännlichen Profil des zu Düsseldorf geborenen Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, diesem wohl sensibelsten Geist der deutschen Philosophie; mit der Büste des Herzogs von Weimar, Goethes großem Gönner (längst sind die Zeiten vorbei, da ein Dichter die Staatsgeschäfte beeinflussen konnte. Und daß es heute nicht mehr so ist, liegt das nun an den Staatsmännern, an den Dichtern oder an beiden?), dann das Bild der Anna Amalia, der Herzoginmutter, die, als Goethe vom Herzog mit der Reorganisierung der Silberbergwerke betraut wurde, die intrigierenden Beamten herzhaft zurechtwies. – Sicherlich ist es nicht möglich, das Bildnis des ganzen Goethe in einigen Ausstellungsräumen wiederzugeben. Auf die Quantität kommt es ja auch kaum an. Ankommen wird es nur darauf, die Grundgestimmtheit spüren zu lassen, in der Goethe stand? das heißt: seine Atmosphäre zu beschwören. Und dies ist in der Bielefelder Ausstellung gelungen.