Der Krieg und die durch den Kriegsausgang bewirkten Wandlungen in Asien und Europa haben dem afrikanischen Kontinent zu einer neuen wirtschaftlichen Bedeutung und Bewertung verholfen. Man könnte fast von einer neuen Entdeckung Afrikas sprechen; unter dem Gesichtspunkt der „europäischen Substanzerhaltung“. Englands Außenminister, Ernest Bevin, fand schon vor einem Jahre mit seiner These, eine Konsolidierung Westeuropas erfordere auch eine parallel laufende Konsolidierung in den kolonialen Territorien, den ungeteilten Beifall des britischen Parlaments und der Öffentlichkeit. Sir Stafford Cripps hat dann diesen Gedanken weiter ausgefühut und eine eng mit Afrika verbundene neue wirtschaftliche Gruppierung Westeuropas als das „erstrebenswerte Element wirtschaftlichen Gleichgewichts zwischen den USA und Sowjetrußland“ bezeichnet. Nach Cripps’ Meinung müßte Afrika mit seinen Rohstoffvorkommen ein „wirtschaftliches Ganzes“ mit dem vorwiegend industriellen Europa bilden.

Wichtige Gebiete Afrikas sind durch den Krieg In eine völlig veränderte Wirtschaftsstruktur eingetreten. Sie waren für den Krieg in Nordafrika und im Mittelmeer-Raum die große Nachschubbasis und wurden mit USA-Dollars und amerikanischer Initiative in einer Weise entwickelt, die man nur als ein „Überspringen von Generationen“ bezeichnen kann. Durch den Ausbau von Häfen und deren modernste technische Ausstattung, wie z. B. im Falle Monrovia (Liberia), und durch die Anlage von Straßen wurden die Transportverhältnisse, die früher in so einschneidender Weise die Erschließung und Entwicklung der brach liegenden Rohstoffkammern hemmten, stark verbessert. Gewiß wirkt sich dies primär auf den Rohstoffexport aus. Aber es gibt auf die Dauer keine einseitige Entwicklung in der Ausfuhrrichtung, ohne daß nicht auch auf der Einfuhrseite eine entsprechende Steigerung erzielt würde. Ferner kommt hinzu, daß der Eingeborene, namentlich in Westafrika, in den letzten zehn Jahren „an die Technik herangebracht“ wurde und nun heute für seine Wirtschaft Mittel und Methoden zur Anwendung bringt, die ihm bisher noch völlig fremd waren. Unter dem Gesichtspunkt des Exports betrachtet, bedeutet das eine Erweiterung und völlig andersartige Schichtung des Sortiments, das sich bisher ganz überwiegend aus Konsumgütern zusammensetzte. Auch hat sich dank dem Kriegs- und Nachkriegs-Boom die Bevölkerung an Dinge gewöhnt, die ihr in früheren Jahren unbekannt oder unerreichbar waren.

Afrika ist also ein interessantes Exportfeld, wenngleich für uns Deutsche die Möglichkeiten, dort ins Geschäft zu kommen, heute ungleich schwerer sind als vor dem Kriege. Die Struktur der meisten Märkte, vor allem jener, wo die Eingeborenen-Wirtschaft dominiert, erfordert den unmittelbaren Kontakt mit der Kundschaft. Da deutsche Firmen zur Zeit noch nicht wieder mit ihren Niederlassungen, Faktoreien und Stores in diesen Ländern arbeiten können, liegen sie verständlicherweise hinter der ausländischen Konkurrenz im Rennen. Erfolg hat in Afrika auf die Dauer nämlich nur der, welcher „mit einem Bein draußen“ steht. Mag das Land auch noch so große Wandlung erfahren haben: das Geschäft wickelt sich immer noch in den Formen ab, die dem Afrika-Handel aus einer jahrzehntelangen Tätigkeit vertraut sind.

Erschwerend für den Absatz deutscher Waren in den tropischen Kolonialgebieten wirkt sich das auch dort übliche Lizenzierungsverfahren aus. Deutsche Waren werden als „hard currency“-Erzeugnisse nur in sehr geringem Umfang zum Import freigegeben; leider haben die bisherigen Erfahrungen in den britischen und französischen Kolonien gezeigt, daß man offenbar sehr sparsam mit Einfuhrgenehmigungen für deutsche Waren umgeht und nur dann größere Mengen hereinläßt, wenn ein besonderes – zumeist „politisches“ – Interesse vorliegt, den Anspruch der Bevölkerung auf gewisse Konsumwaren zu befriedigen, zugleich aber das Geschäft über englische Häuser oder französische Gesellschaften abgewickelt wird. Eben dieser Umstand, daß die deutschen Umsätze im Afrika-Geschäft zumeist keine unmittelbaren Umsätze sind, kann auf die Dauer nicht befriedigen.

Trotz dieser unverkennbaren Tendenz der Mutterländer, den deutschen Handel mit den kolonialen Afrika über ihre Kanäle zu leitet, ist es unbedingt erforderlich, daß die deutsche Exportwirtschaft mit den sich ihr zur Zeit bietenden Möglichkeiten den Anschluß an die Marktbedingungen behält oder zurückgewinn:, über den Geschmackswandel und die neuen Korsumbedürfnisse orientiert bleibt und sich der wachsenden Nachfrage nach Investitionsgütern anpaßt. Es ist leider noch festzustellen, daß die geplante Koordinierung der kolonialen Wirtschaftspolitik der Mächte nicht in dem Maße vorangetrieben wurde, wie man es nach den Äußerungen von Bevin oder Sir Stafford Cripps hätte annehmen können. Es liegen auch noch keine praktischen Auswirkungen der Politik des „wirtschaftlichen Ganzen“ zwischen Europa und Afrika vor. Für deutsche Traktoren, die z. B. für Nigeria lieferbar sind und dort dringend in der Landwirtschaft gebraucht werden, wurde keine Einfuhrlizenz erteilt, während gleichzeitig in Nigeria bittere Klage darüber geführt wurde, daß Großbritannien die aus eigener Produktion stammenden Traktoren nur nach Tanganyika liefere, um das dortige Erdnußprojekt durchzuführen ... Gewiß mag man auf englischer Seite einwenden, daß die „hard currency“-Eigenschaft der deutschen Lieferungen eine zwangsläufige Beschränkung bedeute; auf die Dauer darf aber dieses Argument nicht den deutschen Handel mit Afrika behindern. Wenn nämlich von britischer Seite darüber geklagt wird, daß Deutschland zu wenig Produkte aus dem Sterling-Block abnehme, so kann darauf entgegnet werden, daß der Güteraustausch ja immer ein Ganzes bildet, und das gilt besonders in Afrika, wo die Wechselwirkungen von Ex- und Import seit jeher unmittelbar zutage treten.

Die Entwicklung unerschlossener Gebiete und damit die Aufschließung neuer Wohlstandsquellen in Afrika wird von den USA gerade im Interesse der wirtschaftlichen Sicherheit Europas unterstützt. Da es sich also um eine gesamteuropäische Aufgabe handelt, wird früher oder später auch die deutsche Initiative „drüben“ wieder in Frage kommen. Die Dollars vermögen nur die Initialzündung zu geben; gewährleistet wird die Entwicklung des tropischen Afrikas allein durch den Menschen, der an ihr teilnimmt, ganz gleich, ob als Ingenieur oder Mediziner, Landwirt oder Ethnologe. Nicht zuletzt gehört auch der Kaufmann dazu. Günther Jantzen