Man könnte es als „Sturm im Wasserglas“ abtun, wenn die deutsche Demokratie daran nicht schon einmal Schiffbruch erlitten hätte: Das Bewerfen parlamentarischer Politiker mit schleimigem Schmutz. Ein Gebiet, auf dem wir es schon wieder weit gebracht haben. Zwei deutsche Stadtoberhäupter haben das letzthin recht eindringlich zu spüren bekommen. Beide übernahmen nach dem Zusammenbruch die Führung der Stadtgeschäfte und zeigten sich in ihren schwierigen Ämtern als Persönlichkeiten, die zu handeln wußten. Und doch gibt es heute in München einen Fall Scharnagl und in Stuttgart einen Fall Klett.

Die gegen Dr. Scharnagl erhobenen Vorwürfe drehen sich letzten Endes um die Frage, ob er bei manchen Gelegenheiten beim Baden eine Hose trägt oder nicht. Und so unwahrscheinlich es klingt: Dieser vor Jahr und Tag von der Boulevardpresse aufgetischte Skandal hat inzwischen solche Ausmaße angenommen, daß Dr. Scharnagl es nun, nach einer Amerikareise, vorzog, von Bord in ein Krankenhaus zu gehen und dort um seine Versetzung in den Ruhestand zu bitten. Der Münchner Stadtrat aber hat inzwischen dem Bürgermeister noch wegen anderer, ähnlicher „Vergehen“ seine Mißbilligung ausgesprochen.

Der Zorn der Stuttgarter auf Dr. Klett, der vor Jahresfrist unter dem Motto „Klett soll bleiben“ wiedergewählt worden war, hat seine Wurzel dagegen in einem vor Monaten erfolgten Anerbieten des Oberbürgermeisters an den Parlamentarischen Rat, sich mangels anderer Gelegenheiten Stuttgart als Sitz einer vorläufigen Bundesregierung anzusehen. Der Gedanke, daß Stuttgart Bundeshauptstadt werden könnte und damit „landfremder Betrieb“ entstehen, der Wohnraum vielleicht eingeschränkt, das Leben verteuert und die brächte des schwäbischen Aufbaus Nicht-Schwaben dienstbar gemacht werden könnten, hat die Stuttgarter völlig aus dem Häuschen gebracht Einen handfesten Angelpunkt für die Kritik fand man dann, während der Bürgermeister zu einem Besuch in England weilte. Jetzt wurde zur Sprache gebracht, daß Klett vor geraumer Zeit zwei wertvolle Amtsketten in Auftrag gegeben hatte, mit denen er und sein Stellvertreter, der Sozialist Hirn, sich für die Vertiefung Stuttgarts beim Frankfurter Städtetag zu schmücken gedachten. Die eine Kette hatte 2500 DM, die andere 1800 DM gekostet. In beiden Fällen waren die Ketten von reichen Bürgern gestiftet worden. Gerade das aber erboste die Stadtväter besonders, war doch der Feldzug gegen Klett unter die Parole eröffnet worden, er habe dem Stadtsäckel 30 000 DM für die Anfertigung der Amtsketten entnommen. Also wurde eine Entschließung angenommen, in der der Gemeinderat erstens seine Empörung darüber ausdrückte, daß Amtsketten ohne seine Befragung in Auftrag gegeben wurden, und zweitens der Gemeinderat sich beleidigt zeigte, daß die Ketten die Stadt nichts gekostet hatten. Der Stuttgarter SPD-Vorsitzende Gering ritt die schärfste Attacke, nichtahnend, daß am gleichen Tage der britische Sozialist und Lordpräsident, Herbert Morrison, in Berlin erklärte: „Wir in England wollen keine Demokratie, die grau in grau ist, wir lieben die goldenen Amtsketten unserer Bürgermeister.“

Soweit die beiden Fälle. Die Volksgunst scheint eben doch ein schwankender Grund, ob man nun, wie Dr. Scharnagl, mit den Parteien gegen die Wähler an die Macht gelangt ist, oder, wie Dr. Klett, mit den Wähler gegen die Parteien. Aber so verschieden die Ursachen in München und Stuttgart auch, sein mögen, dies ist ihnen gemeinsam: Sie sind ein Spiegelbild der deutschen Nachkriegsdemokratie, die es anscheinend nicht lassen kann, selbst mit den gröbsten Fehlern dort anzuknüpfen, wo man 1933 aufgehört hatte. St–tz