Wiewohl ich Marathon so nahe war, machte ich nicht die kurze Reise über den Berg – man sagte mir, die Enttäuschung sei zu groß, denn die Ebene zwischen den Bergen sei menschenleer und vermittelte nichts mehr von dem großen Ereignis, wo eine Handvoll tapferer Griechen das ganze Abendland, indem sie ihre Stadt verteidigten, vor Asiens wimmelnden Horden bewahrten. Viele Jahre später unternahm ich nun plötzlich ohne jede Aufforderung von außen die Reise – im Traum ...

Die Ebene lag, zwischen die Berge geschoben, wie ein gleichschenkliges Dreieck da, dessen Basis am Meer etwa drei Kilometer betrug. Der Boden war mit einem dunklen, trockenen, warmen Sand bedeckt. Das körnige Geriesel in meinen langsamen Schritten bewirkte in mir das Gefühl, als ginge ich durch eine riesige Arena, die zu einem Festplatz verwandelt war. Zu beiden Seiten, nämlich der breiten und sehr ordentlich angelegten Sandstraßen, erhoben sich auf etwa einen Meter hohen, in den Sand gerammten Pfählen großflächige Podien, wie man sie auf Kirmesplätzen für die Musikanten errichtet. Darauf befanden sich, meist in sitzender Stellung, die Frauen und Kinder der Nachkömmlinge der Sieger von Marathon. Es gab auf diesen Podien keine hüllende Wand, ja, nicht einmal einen Vorhang zwischen den in der nacktesten Öffentlichkeit lebenden Marathonnachkommen und den zahlreichen Fremden, die mit bummelnden Augen und Füßen zwischen diesen Auslagetischen voll Siegerfamilien selig einhertraten. Es fiel mir sofort auf, daß die sehr bunt gekleideten Frauen und Kinder, derweil sie ihren täglichen Verrichtungen nachgingen, sich um die Touristen so wenig kümmerten wie Schauspieler auf der Bühne um die Zuschauer. Und da sie keine erhabenen Worte zu deklamieren wußten, schienen sie auch den geringsten Verrichtungen, wie Kochen, Putzen, Kindersäubern, auf eine angestrengt stilisierte Weise nachzugehen; ja, ich entdeckte, daß hinter allen ihren Bewegungen ein vorgeschriebener Rhythmus pochte: so blitzten die Nadeln, so glitten die Schwämme, so rührten die Löffel – niemand aber auf den unzähligen Bretterböden lachte. Und das kam mir sehr begreiflich vor, denn ich wußte ja, daß seit mehr als zweitausend Jahren ein Geschlecht nach dem andern auf diesen unbequemen Tribünen gelebt hatte – im Schaukasten der Geschichte. Aber gerade die Zahl Zweitausend vermehrte meine herzklopfende Verehrung.

Auf den Sandwegen aber, zwischen den endlosen Familienpodien, bewegte sich die erwachsene männliche Nachfolgeschaft der Hopliten. Meist zu dritt oder viert schritten sie in behaglicher Muße nebeneinander, mindestens eines halben Meter höher gewachsen als die Fremden, die, sobald sie einer Gruppe dieser ehrwürdigen Heldenerben ansichtig wurden, stehenblieben und ihnen verstummt und mit verklärter Miene nachschauten. Diese späten Marathonienser hatten den langsamen, wiegenden Gang von Athleten, ihre unbekleideten Schenkel und Armmuskeln waren wie geschwollen, die Schultern unsagbar breit, der rasierte Kopf dagegen und die Hände und die Füße auffällig klein. Ihre Mienen drückten krampfhafte Unbefangenheit aus, sie wechselten, nur um zu sprechen, unsinnige Worte miteinander, wie Knaben, die nicht verlegen erscheinen wollen. Aber noch rührte mich dieses, wie ich glaubte, kindliche Wesen der Heroenbrut. Und sie blickten, so einherschlendernd, genau wie ihre Frauen und Kinder, durch die Touristen hin, als wären diese unsichtbar. Doch erfuhr ich, daß man, um von einem dieser Gewaltigen angeblickt zu werden, ihm jeweils eine bestimmte Geldsumme zahlen müßte.

Diese und andere Auskünfte erhielt ich von einer älteren Touristin; sie hatte eine Stimme, ruhig, klar und tief wie eine Morgenglocke. Meine Begeisterung hatte mich in einen heiteren Zustand versetzt, jedes meiner Worte war voll Witz und Übermut, außerdem kam mir die Unbekannte trotz ihres weißen Haares jung und sehr anziehend vor. Ihre straffe Haut leuchtete frisch, ihre Augen waren blau und glänzten voll Geist und Laune. Und ich fragte sie, meine Stimme hatte vor Feuer einen singenden Tonfall: „Ist dieser ewige Heldenjahrmarkt nicht herrlich?“ Und heiße Tränen traten mir in die Augen.

„Sie weinen?“ fragte sie lächelnd, doch spöttisch.

„Ja, ich weine und schäme mich dieser Tränen nicht. Ich könnte tanzen, mit Ihnen tanzen, trotz Ihres weißen Haares, diesen Sand stampfen, diesen heiligen Sand, der mit Heldenblut gerötet ist, mit dem Blut jener Männer, die da umherwandeln in der zweitausendjahrigen Siegerhaltung!“

„Irren Sie sich nicht?“ fragte die jugendschöne Alte.