Die Optimisten haben Recht behalten, als sie dem zweiten Teil der Exportmesse in Hannover, der Technischen Messe also, die bessere Chance gaben. Seit Freitag pulst durch Hannover und das prachtvolle Messegelände in Laatzen ein nun wirklich internationales Messeleben. Hannover hat endlich ein echtes Messe-Fluidum bekommen, von dem vor Monatsfrist, während der Allgemeinen Messe, nur wenig zu spüren war. Offenbar hat Hannover nun auch seine Bewährung als die westdeutsche Exportmesse erwiesen. Man sollte sich recht bald darüber einig werden, daß der Westen nur eine einheitliche Exportmesse braucht, und deren Termin für 1950 zur Vermeidung jeder Messemüdigkeit und Wiederzersplitterung des Ausländerverkehrs, rechtzeitig mit den Terminen für die übrigen deutschen Messen abstimmen. Hannover wird auch aus den Erfahrungen der diesmal leider geteilt durchgeführten Messe lernen, wird eine noch straffere Auslese der Aussteller treffen und diese und jene Fehler und Schwächen in der Organisation endlich abstellen. Vielleicht kommt man sogar zu dem Entschluß, die offiziellen Empfänge zur Messeeröffnung mit weniger und kürzeren Reden auszustatten

Im Mittelpunkt der Eröffnungsfeierlichkeiten stand die Rede von Dr. Frh. v. Maltzan, der die Erwartung aussprach, daß das Jahr 1949 eine Steigerung des Anteils der Fertigwaren von ursprünglich (1946) 8 v. H., jetzt 35 v. H., auf 40 bis vielleicht 45 v. H. der Gesamtausfuhr werde; auch mit diesem Ergebnis würden wir noch von der friedensmäßigen Zusammensetzung weit entfernt sein: etwa 70 bis 80 v. H. Fertigwaren, 20 bis 30 v. H. Rohstoffe und Halbfabrikate. Unter Hinweis auf den hier veröffentlichten Aufsatz von Staatssekretär a. D. Dr. Posse „Exportieren ist schwer“ betonte Dr. v. Maltzan, daß es besonders schwer sei, wenn man es mit hindernden Formalitäten, mangelnden Kontakten und Informationen, unzureichenden handelspolitischen Vereinbarungen, mit der Dollarklausel und ähnlichen Erschwernissen zu tun habe, die den deutschen Kaufmann noch nicht als gleichberechtigt auftreten lassen. Der Sprecher forderte die Entwicklung neuer und verbesserter Erzeugnisse und die Erschließung neuer Märkte. Deutsche Spezialitäten aller Warengebiete, so sagte er, würden zweifellos stets einen Markt finden. Abschließend verlangte er die Erleichterung der Reiseformalitäten und die Hebung des Fremdenverkehrs, auch die Förderung des Studentenaustausches, um so den menschlichen Kontakt zu vervielfältigen.

Mit herzlichen Ovationen wurde Bürgermeister Dr. Friedensburg empfangen, der als Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung an der Eröffnungsfeier teilnahm. Er überbrachte Grüße und Wünsche Berlins und unterstrich in seinen Ausführungen, daß Berlin für die Zukunft besonders geeignet sein werde, in der Welt für Deutschland zu werben. Er erbat weiterhin Verständnis und Mithilfe, da die schweren Folgen der Blockade erst langsam vernarben können. Nur schwer wird sich Berlin von den harten Schlägen erholen können, die Stadt, die einst 7,2 v. H. der gesamten deutschen industriellen Produktion auslieferte (auf dem Gebiet der Elektro-Industrie waren es 50 v. H., bei der Bekleidungsindustrie 20 v. H.).

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Ein Rundgang durch die acht Messehallen und das weite Freigelände vermittelt einen geradezu überwältigenden Eindruck von der hervorragenden Qualität, dem Ideenreichtum und der Vielfalt der deutschen Nachkriegsproduktion, die sich schließlich erst seit knapp einem Jahr normal entwickeln konnte und nun schon eine hochwertige Friedensproduktion darstellt. Von dem modernsten Überland-Autobus bis zur „Handgelenk-Kamera“ bietet Hannover dem Besucher einen repräsentativen Querschnitt durch die gesamte westdeutsche industrielle Erzeugung. Eine besondere Stellung nimmt die Automobilindustrie ein, die in Halle I eine erfreuliche Dosis jener Kaiserdamm-Atmosphäre ausstrahlt, wie sie für die einstige Berliner Automobil-Ausstellung charakteristisch war. Hier finden der neue Mercedes-Benz Typ 170 S, der Mercedes-Diesel-Personenwagen 170 D, der MercedesBenz-Diesel-Lkw L 3250 und der moderne Borgward-Hansa größte Aufmerksamkeit. Auf dem Stand von Büssing-NAG erweckte der neu entwickelte frambus-Typ 5000 TU mit einem zwischen den Achsen liegenden „Unterflurmotor“ erhebliches Interesse. Auch der Stand der Auto-Union ist umlagert. Sie zeigt ihren neu entwickelten Lieferwagen und das neue „große“ Motorrad. Aus der großen Reihe der neuen Konstruktionen sei noch der Sport-Zweisitzer „Aero“ der Hamburger Fahrzeugwerke Wendax erwähnt.

Ein Drittel der ausstellenden Firmen gehört dern Maschinenbau an. Hier sind bemerkenswerte Neuheiten festzustellen, die auf die technisch interessierten Besucher einen großen Eindruck machen. Starkes Interesse finden vor allem Textilmaschinen. Der Stand einer Bremer Maschinenbaufirma, die Universal-Holzbearbeitungsmaschinen unter den Motto „12 Maschinen in einer“ zeigt, war stark besucht. Gut ist die Rundfunkindustrie vertreten, die mit einer Reihe neuer Modelle aufwartet. Das gilt ebenfalls für die übrigen führenden Produktionsfirmen der Elektrotechnik. Die Gruppe Chemie und die Hersteller von Eisen- und Metallwaren, haben die Messeschau reichhaltig beschickt, während man in der Reihe der Aussteller aus der feinmechanischen und optischen Industrie einige führende deutsche Firmen vermißt. Entsprechende Aufmerksamkeit findet selbstverständlich das Freigelände, wo 105 Firmen Fahrzeuge, Anhänger, Wohnwagen, Trekker, Landmaschinen, Baumaschinen und Straßenbaumaschinen zeigen.

Von den 1194 Ausstellern stammen 57,8 v. H. aus derbritischen Zone, 32,3 v. H. aus der USzone, 7,8 H. aus Berlin und 2 v. H. aus der französischen Zone. An der Spitze der Länder steht Rheinland-Westfalen mit 382 Ausstellern, 132 kamen aus Niedersachsen, 135 aus Würt-Würtemerg-Baden, 128 aus Bayern, 94 aus Berlin, 113 aus Hessen und 92 aus Hamburg. Diese Aufschlüsselung gibt ein gutes Bild von der Entwicklung Hannovers zu einer gesamtdeutschen Messe. Gesamteindruck: es geht vorwärts; die Industrie ist auf dem richtigen Wege. Willy Wenzke