Neuinszenierung in Düsseldorf

In Düsseldorf erfuhr Mussorgskijs Oper „Boris Godunoff“ die erste Inszenierung in Westdeutschland seit Kriegsende. Der Oberspielleiter der im russischen Sektor gelegenen Berliner Staatsoper, Wolf Völker, leitete als Gast die Aufführung. Die Auguren also lächelten. Aber sie lächelten mit totalitär eingestellten Augen. Ob sie nun braun oder rot sahen, es ist dieselbe Mentalität, die – ohne sachlich zu überlegen – Kunst und Propaganda in eins setzt. Russisch ist demnach gleich sowjetisch, die Kunst eine Dienerin der Macht und der deutsche Theaterspielplan eine Funktion der Besatzungspolitik.

Denn natürlich hat der „Boris Godunoff“ mit dem Bolschewismus nichts zu tun. Oder sollte das Aufbegehren des Volkes gegen die Bojarenherrschaft – diese eindrucksvolle Opern-Episode – als eine vorzeitige bolschewistische Revolution zu deuten sein? Nein, es ist eine episodische Revolte. Beim Auftauchen eines neuen Gewaltherrschers nämlich, des falschen Demetrius, beugt sich die Masse bereitwillig wieder unter das Joch. Die Klage des „Idioten“, mit der Völker die in Düsseldorf verwendete Bearbeitung von Rimskij-Korssakoff enden läßt – „weh dir, du armes Volk, du hungerndes Volk“ – ist Resignation über das menschliche Schicksal eines Volkes, dessen Knebelung unsere Teilnahme, nicht aber die Verfemung eines seiner Bühnenwerke verdient.

Daß die Düsseldorfer Oper es wagen durfte, nach dem anspruchsvollen Stück zu greifen, bezeugt ihren aufsteigenden Rang. Von Chorverstärkungen abgesehen, waren es eigene Kräfte, die Heinrich Hollreiser unter seinem überlegen führenden Dirigentenstab zu einer geschlossenen, von Spitzen überragten Spielgemeinschaft vereinigt hatte. Die Dramatik der Partitur kam mit durchschlagender Kraft zur Geltung. Eine gesangsdramatische Leistung von Format bot in der Titelrolle Helmut Fehn. Neben ihm ragten die „Marina“ von Martha Mödl, der „Schujskij“ Karl Ostertags und der besonders tonedle „Mönch Pimen“ von Heinrich Nillius hervor. Der bannende Bühneneindruck war das Verdienst von Völkers beispielhafter Regie. Ihre Massenbewegung ist ein Bravourstück. Herta Böhm hatte eine prunkende Ausstattung dazu entworfen. Sie schuf Raum und Rahmen, übersetzte die plastische Wucht der russischen Welt meist in eine dekorativ abgrenzende Flächigkeit, geriet aber oft in die Nähe der Kunstgewerblichkeit.