Von Marion Stinze

Schon wieder ein deutsches Kleingerät“, sagten die Ausländer auf der Messe in Hannover. barer schwarzer Metallkasten von der Größe einer Handtasche. öffnet man aber die „Handtasche“, so kommt ein Produkt feiner Präzisionsarbeit der Optik zum Vorschein.

Schon bei der Belagerung von Paris Anno 1870/71 brachten Brieftauben den Eingeschlossenen mikrokopierte Briefe, die von den Deutschen, da sie keine Lesegeräte kannten, nicht entziffert werden konnten. – Während in Amerika ein großer Teil der Industrie, der Banken und der Universitäten das Mikroverfahren seit langem anwendet, blieb es in Deutschland noch im zweiten Weltkrieg „geheim“ und wunde nur vom Propagandaministerium und vom Diplomatischen Korps benutzt. Nach dem Krieg gründeten deutsche Techniker eine Mikrokopie-Gesellschaft, und die inzwischen von ihnen konstruierten Apparate sind, wie man betont, den amerikanischen ebenbürtig.

Die Mikrokopie ist freilich keine umwälzende Erfindung, wie es einmal die des Telefons gewesen ist. Man kann sehr kleine „Bücher“ herstellen und lesen – das ist eigentlich alles. Viele meinen, die „Bibliothek in der Westentasche“ sei die unwiederbringliche Forderung des „Mikron“, und die Bibliophilen sind empört. Sie haben eine Vision: verwaiste, öde Bücherborte, irgendwo eine einsame Zigarrenkiste angefüllt mit der ganzen Weltliteratur. Die Mikrofilmleute wollen etwas anderes. Sie wollen in der Hauptsache der wissenschaftlichen Arbeit und der Industrie dienen. So photographieren sie zum Beispiel ein vierhundert Seiten starkes Buch (die gebräuchlichen Verkleinerungen in 1:10 bis 1:20, das heißt ein Hundertstel beziehungsweise ein Vierhundertstel der ursprünglichen Buchseite) mit Planfilmen (Platten) oder Filmstreifen (Rollfilme in Leicaformat), und innerhalb eines Vormittags ist dieses Buch entwickelt, kopiert, füllt nun gerade einen Briefumschlag und kann versandt werden. Sieht man durch die Negative, so hat eine Seite vom ursprünglichen Format Din A 4 die Größe eines Fingerhutes, bei stärkster Verkleinerung die einer Erbse und ist mit bloßem Auge nicht zu sehen. Spannt man jedoch diesen Filmstreifen oder die Planfilme vor die Linse des „Mikron“, so wirft dieser Leseapparat nach dem einfachen Projektionsverfahren die Buchseiten in ursprünglicher oder beliebiger Größe auf den Tisch oder, verändert man die Stellung des Spiegels, auch an die Wand. Bücher, deren Drucksatz vernichtet wurde, wissenschaftliche Arbeiten, die wichtig für die Forschung sind, aber keinen Verleger finden, und Dokumente neuester Forschungsergebnisse können auf diesem Wege schnell, billig (eine Seite kostet etwa zehn bis zwanzig Pfennig, eine Kopie vier bis sechs Pfennig) verbreitet werden. Fast alle Universitäten in Deutschland haben heute, teilweise aus der Rockefeller-Stiftung oder auch schon aus der deutschen Produktion, Milkrogeräte zur Verfügung. Industriebetriebe, die früher Stockwerke für ihre Akten benötigten, brauchen heute, nachdem sie das Mikroverfahren einführten, nur ein Zimmer zu Archivzwecken. Die Royal Society London sendet bereits einen Mikrofilmdienst zu Forschungszwecken an viele Universitäten der Welt. Kürzlich haben nun auch deutsche Klöster, die große Bibliotheken besitzen, die Bücher aber nicht aus der Hand geben, beschlossen, einen Mikrodienst aufzunehmen.