Es ist ein Verdienst des Delfinverlages, die wohl wirksamste Dichtung der frühmittelalterlichen Jahrhunderte, nämlich das Rolandslied, aus dem Bereich der Fachgelehrsamkeit erlöst und auf dichterisch-künstlerischer Ebene für unser heutiges Weltgefühl erschlossen zu haben. Die Übertragung von Max Wetter verzichtet auf Vollständigkeit, da sich viele Längen und Wiederholungen des altfranzösischen Originals heute nicht mehr beleben lassen. So ist gleichsam eine Grundgestalt des Liedes entstanden, die uns mit einer im Original nie so wahrgenommenen Leuchtkraft und Größe der Gebärden überrascht. Mit viel Kunst ist die eigentümliche „Reim“ form des Vorbildes, die Assonanz, wie überhaupt sein Klangcharakter erneuert. Es entsteht nicht der Eindruck einer gewollten Nachahmung, vielmehr einer dichterischen Neuerweckung, und man ist unmittelbar einbezogen in das Dasein jener fränkisch-salischen Welt, die sich hier im Großen Karl und seinen Pairs spiegelt: in ein Leben von hochgemuter Hingabe und stolzem Beharren, von männlicher Sorge und zartem Freundesdienst. Wer die Kunst unserer „romanischen“ Zeit als einen Höhepunkt sieht, dem wird dies Buch eine Bereicherung bedeuten. Leupold