Da ungarische Wahlsonntag hat der kommunistischen „Volksfront“, wie es sich in einer Volksdemokratie geziemt, eine 95prozentige Mehrheit gebracht. Niemand ist darüber erstaunt. Denn Europa hat eine reiche Erfahrung auf dem Gebiet dieser Abstimmungen, die in Wirklichkeit keine Wahlen sind, weil der Begriff der Wahl zumindest zwei Kandidatenlisten voraussetzt, während bei den Volksdemokratien immer nur eine vorgelegt wird. Erstaunt ist man höchstens darüber, daß zur gleichen Zeit in der Ostzone, wo ungefähr eine ähnliche Atmosphäre herrscht wie in den kommunistischen Ländern, die deutlichen Wähler eine Zivilcourage und einen Widerstandsgeist gezeigt haben, der weit über das hinausgeht, was Tschechen, Polen, Rumänen, Bulgaren, Jugoslawen und Ungarn bisher in dieser Hinsicht erkennen ließen.

Im ganzen ist es ziemlich nutzlos, im Anblick solcher in den Neunzigern schwelgender Abstimmungsergebnisse eine Klage über die Verletzung der demokratischen Spielregeln anzustimmen. Schon deshalb, weil die Totalitären aller Schattierungen sich durch diese Abstimmungen durchaus hinreichend legitimiert fühlen und ihre Völker zur Anerkennung dieser Legitimität bisher immer noch zu zwingen verstanden haben. Sie mögen dabei argumentieren, daß eine Opposition, die nicht einmal den Mut aufbringt, die Gelegenheit eines Plebiszites wahrzunehmen, keine echte und jedenfalls keine gefährliche Opposition sei. Sie vergessen allerdings, daß diese Opposition ihre Courage vielleicht für einen Zeitpunkt aufhebt, in dem es nicht um eine leere Demonstration, sondern um eine wirkliche Auseinandersetzung gehen könnte. Daß sie immerhin davon etwas ahnen mögen, scheint daraus hervorzugehen, daß sie nach jeder Wahl, und sei es auch, sie bringe eine 99prozentige Mehrheit, den Kampf gegen die Opposition, die doch schon gar nicht mehr vorhanden sein sollte, mit der alten Wut fortsetzen. Das hat auch der Kommunistenboß Ungarns, Matthias Rakosi, wieder angekündigt: „Der Feind hat eine ernstliche Niederlage erlitten, er hat sich aber noch nicht ergeben.“

Die Drohung, die in diesen Worten liegt, verwirklicht der Kommunismus in Ungarn systematisch und seit geraumer Zeit. Und er bleibt nicht dabei stehen, die Gegner zu terrorisieren und einzuschüchtern. Was sich in Ungarn und in den andern Volksdemokratien abspielt, das ist der Prozeß einer gewaltsamen und überstürzten Änderung der sozialen Struktur, bei dessen Durchführung die Kommunisten keineswegs so naiv sind, an die von ihnen favorisierte! Schlagwörter, unter denen die Großgrundbesitzer eine so große Rolle spielten, selbst zu glauben. Sie wissen ganz gut, daß Ungarn nach dem ersten Weltkrieg durchaus kein feudaler, sondern ein bürgerlicher Staat war, dazu nicht eigentlich ein Agrarstaat, sondern ein Land mit einer sehr glücklichen Wirtschaftsstruktur, in der ähnlich wie in Frankreich Landwirtschaft und Industrie etwa je zur Hälfte an der nationalen Produktion beteiligt waren. Daher konnten sie sich mit der Bodenreform, die propagandistisch im Vordergrund stand, weil man dafür auch im Ausland immer Erfolg haben konnte, keineswegs begnügen, sondern mußten in erster Linie das Bürgertum ausschalten, aus seinen wirtschaftlichen Machtstellungen, aus seinen Positionen im Staatsdienst und nicht zuletzt aus den Stellungen in der Erziehung. Das ist der Vorgang, der sich vor unseren Augen in Ungarn abspielt. Er spiegelt sich in der allmählichen Aufzehrung der Landwirtepartei, in der nach dem Zusammenbruch nicht allein die Bauern, sondern in erster Linie das Bürgertum Ungarns Unterschlupf suchte und die, als sie 1945 mit überwältigender Mehrheit im Parlament saß, ein Spiegelbild der sozialen Struktur Ungarns war. Damals brachten es die Kommunisten auf 17, bei der zweiten Wahl auf 22 Prozent. Seither haben sie die Sozialdemokraten verschluckt und die Landwirtepartei zu einer leeren Hülse ohne Inhalt gemacht. Die Volksfront, die jetzt ihre Liste präsentierte und 95 Prozent der Stimmen erhielt, das waren weder Bauern noch Bürger, sondern es war Herr Rakosi mit seiner Clique. Schon am 5. März, also lange vor der Abstimmung, hielt der erste Theoretiker des ungarischen Kommunismus, Joseph Revai, eine ursprünglich von der kommunistischen Presse unterdrückte, schließlich aber in der Parteizeitschrift „Tarsadalmi Szemle“ wiedergegebene Rede, in der er alle Zweifel hierüber beseitigte.

„Es ist keine Frage, daß die politische Entwicklung, die bereits zur unbestrittenen Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei in Ungarn geführt hat, die gesellschaftliche Entwicklung bei weitem überholt hat. Selbstverständlich ist die soziale Struktur Ungarns auch heute noch im Grunde bürgerlich und nicht proletarisch, wenngleich die Bürger eingeschüchtert sind und sich auch proletarisch gebärden mögen, um sich zu behaupten. Infolgedessen gibt das Abstimmungsergebnis nur Auskunft über die oberflächenhafte politische, nicht aber über die ihr zugrunde liegende soziale Situation. Deshalb geht der Kampf weiter, den die ungarische kommunistische Partei hauptsächlich dadurch führt, daß sie die bürgerlichen Fachleute aus dem Staats- und Wirtschaftsapparat entfernt und durch junge Parteileute ersetzt, auch wenn sie ihrer Aufgabe in keiner Weise gewachsen sind. In Ungarn kann heute im Verlauf dieses Prozesses ein Landarbeiter nach einem kurzen Ausbildungskursus Bezirkshauptmann (was etwa unserem Landrat entspricht), ein Tischlergehilfe nach acht Wochen Ausbildung Diplomat werden, wenn er nur ein linientreuer Kommunist ist. Das Glück mag nur bis zur nächsten Säuberung dauern, aber die bürgerlichen Elemente, die diese Position vorher einnahmen, sind inzwischen im Elend der Deklassierung verschwunden. Es ist ein überstürztes, ein rasendes Verfahren, mit dem Rakosi jetzt die sozialen den von ihm erreichten politischen Tatsachen anzupassen sucht. Man sollte sich aber nicht darüber täuschen, daß es ein wirksames Verfahren ist. Vielleicht würde mancher ungarische Emigrant, der erst ein paar Jahre im Ausland lebt, sich heute in Budapest nicht mehr zurechtfinden können. Dennoch bleibt ein Rest. Denn der dialektische Geschichtsprozeß, durch den die Kommunisten aller dieser Länder an die Macht gekommen zu sein behaupten, während sie in Wirklichkeit nur die Nutznießer der Sowjetmacht sind, kann bei Herrn Rakosi nicht stehen bleiben. Die dauernde Verletzung der Moral, ohne die die gewaltsame Umstürzung der sozialen Struktur nicht möglich wäre, wird auf die Dauer der alten und einer neuen Opposition das an Kraft wieder zuführen, was sie durch die systematischen Säuberungen zunächst verliert. Insofern hat Rakosi recht! Der Feind ist die Geschichte selbst. H. A.