Werden die Sowjets ihre heutigen Positionen in Deutschland, Österreich und Griechenland räumen? Welche Konzessionen könnten sie dafür verlangen? Und darf man ihnen bei diesen Verhandlungen überhaupt trauen? Das sind fragen, die heute in der westlichen Welt vielerorts gestellt werden? Der Kreml ist verschwieg gen, die wahren Ziele Stalins, ebenso wie die eigentlichen Motive seiner politischen Schwenkung, sind unbekannt. Um so wichtiger muß es also sein, daß man keinen möglichen Versuch unterläßt, die Grundlagen der sowjetischen Außenpolitik zu bestimmen, und deshalb wollen wir hier an ein Buch erinnern, das gemäß der uns zugänglichen Ausgabe im Jahre 1942 in Moskau erschienen und dessen Vorwort von Stalin selbst geschrieben worden ist, was um so bemerkenswerter sein dürfte, als er sich dazu nur sehr selten herabgelassen hat.

Das Buch hat den schlichten Titel „1812“ und stammt von dem prominenten Sowjethistoriker Eugen Tarle, Professor an der Universität Leningrad und Inhaber des Lenin- und Stalin-Ordens. Der Verfasser schildert den Meinungsstreit, der nach dem verlorenen Winterfeldzug Napoleons I zwischen dem russischen Oberbefehlshaber Kutusow und-Zar Alexander I. über die Weiterführung des Krieges ausbrach. Kutusow wollte die russische Westgrenze nicht überschreiten, mit der Vertreibung der Franzosen aus dem russischen Raum, so meinte er, habe die Armee ihre Aufgabe vollbracht. Die Vernichtung Napoleons sei Sache der Preußen und Engländer. In Westeuropa habe Rußland keine politische Aufgabe. Es sei für das Zarenreich gefährlich, sich in die europäische Politik direkt einzumengen. Alexander I. jedoch war entgegengesetzter Meinung: er führte die Armee nach Paris.

Hier nun setzt die Kritik des Sowjethistorikers ein. Er sucht nachzuweisen, daß die Entscheidung des Zaren falsch gewesen ist, und er kommt zu dem Urteil, Rußland sei im 19. Jahrhundert innerpolitisch so rückständig gewesen, weil die russische Intervention in Europa eine überdimensionierte Außenpolitik hervorgerufen habe. Die habe bewirkt? daß Rußland in allen wirtschaftlichen und technischen Fragen so sehr zurückgeblieben sei. Man kann gewiß verschiedener Meinung sein, ob diese These richtig ist. Stalin jedenfalls – und darauf kommt es hier an war von ihr überzeugt und hat sich in seinem Vorwort zustimmend und lobend geäußert

So interessant dies ist, so wollen wir doch vorsichtig sein und einstweilen nur feststellen, daß Stalin für eine bestimmte historische Situation den Vormarsch nach Westeuropa als falsch bezeichnet hat, weil in Rußland die innerpolitischen und wirtschaftlichen Aufgaben noch nicht gelöst waren. Nun könnte man hier erwidern, das sei in bezug auf heute kein brauchbarer Vergleich, denn man dürfe die zaristische Außenpolitik nicht mit der bolschewistischen vergleichen, die nicht nur russisch, sondern zugleich auch weltrevolutionär sei. Aber auch auf dem Gebiete der kommunistischen Aggression gibt es einen entsprechenden Vorgang. Der ereignete sich im Juli 1921 auf dem III. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Ein Jahr zuvor hatte Lenin noch gehofft, durch gewaltsames Vorwärtstreiben der europäischen Revolution in Ländern wie Deutschland und Italien sowjetfreundliche Arbeiterregierungen an die Macht zu bringen. Im Sommer 1922 jedoch hatte die Sowjetunion sich auf sich selbst zurückgezogen. Lenin glaubte nicht mehr an schnelle Erfolge einer kommunistischen Revolution in Europa, so wollte er nunmehr alle Kräfte auf die innenpolitische, technische und wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion konzentrieren. Im nächsten Jahr veranlagte Lloyd George die Hinzuziehung sowjetischer Vertreter zur Konferenz von Genua. Dort würde dann der berühmte Rapallo-Vertrag mit der bürgerlich-republikanischen Regierung von Deutschland geschlossen.

Da steht nun das Wort, bei dessen Erwähnung den westlichen Politikern ein Schauer über den Rücken zu gehen pflegt: der Rapallo-Vertrag! Mit ihm, so glaubt man, fing alles Übel an, mit seiner Hilfe, so wird behauptet, habe sich Deutschland zwischen Ost und West erneut zu einer Großmacht emporgearbeitet. Man fürchtet, eine heutige deutsche Regierung könnte das gleiche Spiel wieder beginnen, und abenteuerliche Vorstellungen sind aus dieser Angst bereits entstanden. Als ob der Rapallo-Vertrag von den Russen seinerzeit zu diesem Zweck geschlossen worden sei, als ob die Russen heute etwa im Sinne haben könnten, einen solchen Vertrag mit diesem Ziel uns anzubieten, ja – als ob der von den Russen zweifellos beabsichtigte neue „Rapallo-Vertrag“ in Paris nicht mit den westlichen Großmächten – und wenn es nach russischem Wunsche geht, ganz allein auf unsere Kosten – abgeschlossen werden soll.

Der alte Rapallo-Vertrag war für die Sowjets in erster Linie ein Wirtschaftsvertrag. Die deutsche Industrie sollte zum innerrussischen Aufbau beitragen, und das deutsche Beispiel sollte die anderen Westmächte ermuntern, das gleiche zu tun. Die Sowjetunion war durch Krieg und Revolution wirtschaftlich so sehr ruiniert, daß sie aus eigener Kraft ihre gigantischen Industrialisierungspläne nicht durchfuhren konnte. Heute ist dies nicht anders. Der Vier jahresplan kann ohne westliche Hilfe nicht zu dem gesteckten Ziel gelangen. Und dann ist da noch das überraschend schnell siegreich gewordene Rote China, dessen dringendster wirtschaftlicher Bedarf von Moskau befriedigt werden muß, wenn man es nicht den großen, westlichen Industriestaaten geradezu in die Arme treiben will. Ein Rapallo-Vertrag mit den Westmächten, jetzt, auf Kosten Deutschlands, also mit Reparationen aus der laufenden Produktion, wäre ein wundervolles Geschenk für den Kreml. Es würde ihn aus einer Zwangslage befreien, in die das Politbüro und Stalin sich durch ihre starre Nachkriegspolitik hineinmanövriert haben. Hier würden die Sowjets sogar bereit sein, einen guten Preis zu zahlen, also etwa den westlich-demokratischen Forderungen in Griechenland, in der deutsche! Ostzone und möglicherweise sogar in Österreich entgegenzukommen.

Nun könnte man weiterhin einwenden, daß Moskau auf sein Prestige bei den kommunistischen Parteien Europas Rücksicht nehmen müsse. Auch hier jedoch gibt es eine historische Parallele, die zeigt, daß ein solcher Einwand unberechtigt ist. Im Herbst 1923 glaubte der Kreml nach dem Sturz der Regierung Cuno, der Festsetzung der Franzosen an der Ruhr und dem Fallen der Mark ins Bodenlose noch einmal die Chance eines revolutionären Bürgerkriegs in Deutschland zu sehen. Er wurde damals von der KPD genau nach Moskauer Vorschrift begonnen. Die erste Regierung Stresemann blieb mühelos Sieger – und der Kreml schob die Schuld an dem Mißlingen dieser Oktoberoffensive dem Führer der deutschen Kommunisten, Brandler, zu, der nichts getan hatte, als getreu die Anweisungen der Sowjets auszuführen. Die KPD wurde geopfert und ging daraufhin bis zur Bedeutungslosigkeit zurück. Dem Kreml war dies gleichgültig.