London, Ende Mai

Zu der guten, alten Zeit vor 1939 pflegte im wunderschönen Monat Mai die „season“ zu beginnen, jener einzigartige Anlaß für die aristokratische Plutokratie oder plutokratische Aristokratie des Landes, in London zwei Monate lang Reichtum zur Schau zu stellen und sowohl in Gesellschafts- als auch in Kunstgenüssen zu schwelgen. Diese Zeit ist nun vorüber. Die „season“ ist der kalten, sozialen Revolution des Nachkrieges zum Opfer gefallen. Aber die Invasion internationaler Kunst ist geblieben und wird vom Volk selbst dankbar begrüßt. Auch die deutsche Kunst profitiert davon.

Kunst kommt vom Können. Und da der deutsche Künstler sein Fach meisterlich beherrscht, ist er in London genau so willkommen wie irgendeiner seiner Kollegen aus anderen Ländern. Es hat in England niemals eine politische gesteuerte Aversion gegen deutsche Künstler gegeben wie etwa in Amerika, wo Gieseking und Furtwängler jüngst am Auftreten verhindert wurden. Ja, es dürfte für England bezeichnend sein, daß beim ersten Konzert Furtwänglers fast die ganze geistige Emigration anwesend war. Und darum ist es nicht ohne pikanten Beigeschmack, wenn man feststellt, daß Herbert v. Karajan und Clemens Krauß hier mit Distinktion dirigierten, während ihnen die Ausübung ihrer Tätigkeit in Deutschland selbst verboten war. Anderseits zeigte sich, daß Furtwängler eine schlechtere Kritik erfuhr als beispielsweise Celibidache, der mit dem gleichen Orchester der Berliner Philharmoniker zu Gast in London war. Dies liegt aber wohl daran, daß der große deutsche Dirigent in allzu hohem Maße ein esoterischer Dirigententyp ist, als daß er den englischen Kritikern restlos gefallen könnte. Den englischen Konzertbesuchern gefiel er sehr.

Zum ersten Male nach dem Kriege wurde uns diesmal der ganze „Ring“ gegeben – leider ohne Furtwänglers Mitwirkung.

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Ernest Newman, der vor kurzer Zeit seine monumentale Richard-Wagner-Biographie abgeschlossen hat, besprach neulich die englische Übersetzung von Thomas Manns „Dr. Faustus“, die hier soeben erschienen ist. Er nannte den Roman „die größte Leistung des größten lebenden Schriftstellers“, aber die übrige Kritik folgte seinem Beispiel allergrößter Lobeserhebungen nicht. Thomas Mann hat niemals ein großes Leserpublikum in England gehabt. Dafür sorgt er zu wenig für die Unterhaltung des Lesers, der Entspannung oder intellektuelle Anregung liebt, nicht aber Belehrung. Gleichzeitig mit dem „Dr. Faustus“ erschien auch die englische Übersetzung des „Glasperlenspiels“ von Hermann Hesse. Der Dichter Hesse ist hier fast unbekannt. Und es ist wohl auch ein Wagnis, einem englischen Leserpublikum die Bekanntschaft Hesses gerade durch dieses esoterische Buch zu vermitteln, das dem intellektuellen Verständnis noch größere Schwierigkeiten bereitet als der „Dr. Faustus“. Dagegen scheint die „Dachbodengesellschaft“ Kreuders ein Erfolg zu werden, da ihr Inhalt dem englischen Geschmack nach phantastischer Skurrilität entgegenkommt.

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